Lars von Trier: Die Kinofilme
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Retrospektive
Genie oder Scharlatan – über diese Frage ließ der britische Guardian vor einigen Jahren im Hinblick auf Lars von Trier abstimmen. 60 % tendierten zu ersterem – was wiederum viel über die öffentliche Wahrnehmung des dänischen Enfant terrible aussagt. Seinen 70. Geburtstag am 30. April nehmen wir zum Anlass, um auf sein faszinierendes wie streitbares Schaffen zurückzublicken, das die Kinomoderne entscheidend mitgeprägt hat, und das unter anderem zwischen selbst auferlegten Regeln und dem genussvollen Brechen ebendieser oszilliert. Den überwiegenden Teil dieser Retrospektive präsentieren wir von 35-mm-Kopien aus unserer eigenen Filmsammlung.
Kino der Extreme
Es gibt kaum einen anderen europäischen Regisseur, der das Kino in den letzten Jahrzehnten so konsequent herausgefordert hat wie Lars von Trier. Von Anbeginn strebt er mit seinen Filmen nach permanenter Erneuerung, das Ergebnis sind jeweils Versuchsanordnungen, die sich selbst in Frage stellen. Auf der anderen Seite arbeitet er sich in seinen Werken stets an den gleichen Obsessionen ab: Schuld und Opferbereitschaft, Sünde und Erlösung, Neurosen und Depressionen – ständige Begleiter im Leben des Filmemachers, dem nach dem beachtlichen Erfolg seiner Europa-Trilogie mit dem Melodram BREAKING THE WAVES 1996 der internationale Durchbruch gelingt – um gleich danach zusammen mit Kollegen eine Kampfansage an die »Wirklichkeitsentfremdung« des Kinos zu formulieren. Die Regeln des Dogma-95-Manifests – u. a. Drehen mit Handkamera und an Originalschauplätzen – nutzt von Trier aber nicht nur zur Begrenzung, sondern als Reibungsfläche – um sie gleich im nächsten Schritt wieder zu sprengen.
Seine Filme bewegen sich zwischen formaler Strenge und emotionaler Exzessbereitschaft: In DANCER IN THE DARK kollidieren Musical und Leidensgeschichte, DOGVILLE reduziert die Welt auf eine gezeichnete Bühne und entlarvt auf diese Weise gesellschaftliche Gewalt, ANTICHRIST und MELANCHOLIA übersetzen Depression, Angst und Weltuntergang in visuelle Zustände. Filme wie THE FIVE OBSTRUCTIONS oder THE HOUSE THAT JACK BUILT verhandeln indes Kunstproduktion selbst – als Zwang, Risiko und Obsession. Provokation dient ihm als Methode, Widerstand zu erzeugen und zur Positionierung zu zwingen, während er sein Kino im permanenten Unruhezustand hält.
Den Hang zur Provokation kultiviert von Trier auch abseits seiner Filme: Skandale, irritierende Aussagen und öffentliche Kontroversen haben die Wahrnehmung seiner Arbeit wiederholt überlagert. Unvergessen etwa seine »Sympathiebekundung« für Hitler kurz nach der MELANCHOLIA-Premiere, woraufhin das Festival in Cannes ihn vorübergehend zur Persona non grata erklärte. Jenseits der Schlagzeilen bleibt jedoch ein Werk, das sich unbeirrt mit Angst, Gewalt, Begehren und Befreiung beschäftigt – und dabei stets neue Formen erprobt: Stationen eines radikalen künstlerischen Experiments, ein Kino der Zumutung und der Schönheit, das uns dazu zwingt, über unsere eigenen Grenzen nachzudenken.
(Florian Widegger)