ÜBER DIE WANDZEITUNG
Schriften, und nichts als das, nur Texte und Typografien, Bleiwüsten und strengstes Bilderverbot! – Das ist die ästhetische Prämisse der Wandzeitung an der Ecke Glockengasse, Rotensterngasse im 2. Wiener Gemeindebezirk. Sie geht auf die Begegnung von drei unterschiedlichen Berufen – Autor, Bildhauer und Typograf – mit einer weitläufigen Schaufensterfront zurück und versucht ein altes Medium neu zu definieren: Die Wandzeitung gilt seit dem späten 18. Jahrhundert als ebenso einfaches wie wirksames Mittel zur Informationsverbreitung und Vernetzung. Große Bedeutung hatte sie in der österreichischen Arbeiterbewegung der Zwischenkriegszeit, als ‚Zeitung der großen Schriftzeichen’ während der Kulturrevolution in China oder als ‚journal mural’ im Pariser Mai 1968: Die Straße hat das Wort.
Wie kann man jetzt und hier, in diesem historisch so bedeutsamen Winkel der Wiener Leopoldstadt, der Straße das Wort erteilen bzw. rückerstatten? Es läuft auf einen Versuch, auf immer neue Versuchsanordnungen hinaus, den Raum der Schrift mit dem Straßenraum zu verschränken: von Straße durchdrungene Schriftwerke werden auf eine Art präsentiert, die sie gleichsam begehbar werden lässt.
Passant und Passantin haben mindestens drei Möglichkeiten, mit dieser Wandzeitung umzugehen: Fernsicht, Nahsicht und Absicht. Sie können sie als ein visuelles Ganzes und als eine permanent sich verändernde Installation betrachten. Sie können sich auf die Inhalte einlassen und – lesen heißt wildern – sich je eigene Wege durch das Textgestrüpp bahnen. Oder sie können mit Ideen und konkreten Vorschlägen in die künftige Gestaltung der Wandzeitung eingreifen.
Die Wandzeitung ist ein gemeinsames Projekt mit Bernhard Kellner.