Nestervals Nibelungen: Donaugold
Darstellende Kunst Theater Theateraufführung Performance
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Postapocalypse now! Österreich im Jahr 2044, nach dem „Zweiten Wiener Wasserkrieg“: Wasser ist das neue Gold. Mit Nestervals Nibelungen: Donaugold wagt das Wiener Theaterensemble einen Blick in unsere nahe Zukunft und schafft einen dystopischen Ort, wo die Ressourcen nur noch für wenige Auserwählte reichen. Wo neben strengen Regeln und Gesetzen Egoismus und Dekadenz herrschen und Opfer zu bringen vor allem eines bedeutet: zu überleben. Mit Donaugold bei brut Wien und dem zeitgleich bei den Wiener Festwochen | Freie Republik Wien stattfindenden Wallden erlebt das Publikum eine neue Nibelungensaga in zwei Teilen an unterschiedlichen Schauplätzen. Nestervals immersives Theatersetting zeigt eine Zivilisation am Scheideweg und wirft die Frage auf, wie wir angesichts knapp werdender Ressourcen (über)leben wollen. Es wird düster werden.
Die Arbeiten des Ensembles um Martin Finnland sind regelmäßig in kürzester Zeit ausverkauft. Drei gemeinsame Produktionen mit brut Wien waren Nestroy-nominiert; für Der Kreisky-Test gab es einen Spezialpreis. 2026 wagt die immersive Theatertruppe Großes. Nestervals Nibelungen ist in der nahen Zukunft angesiedelt und findet zeitgleich an zwei unterschiedlichen Spielorten statt: Donaugold (bei brut Wien in der Spielstätte brut nordwest als letztes Spektakel vor dem Umzug) und Wallden (bei den Wiener Festwochen | Freie Republik Wien in der freien Natur). Dabei handelt es sich bei beiden Produktionen um eigenständige Stücke, die für sich stehen, jedoch eng miteinander verbunden sind. Figuren und Themen spiegeln einander. Beide Stücke spielen im selben postapokalyptischen Universum als Fortführung der Opern-Dystopie Nestervals Götterdämmerung, die zuletzt im Herbst 2025 in der Neuen Staatsoper NEST zu erleben war.
In Nestervals Götterdämmerung musste sich das Publikum entscheiden, ob es Sigfried, Krimhild, Wotan und den anderen Figuren aus dem Richard-Wagner-Universum entweder nach „Donaugold“ oder nach „Wallden“ folgen wollte. Letzteres ist die Utopie eines Kommunenlebens in der Natur – oder was davon im Jahr 2044 noch übrig ist. Donaugold hingegen steht für das Dekadente, Zivilisierte und Kontrollierte. Beide Lebensentwürfe werden nun also in der Fortsetzung für das Publikum zum intensiven immersiven Theatererlebnis. Dabei geht es angesichts knapp werdender Ressourcen buchstäblich ans Eingemachte. Hier wie dort stellt sich die Frage: Wie wollen wir in naher Zukunft (über)leben? Was in Wallden gelingt, scheitert in Donaugold – und umgekehrt. Same same but different wird zur tragenden Erzählstruktur. Aber es gibt nicht „den einen Weg“, vielleicht ist scheitern einfach menschlich. Und alle werden Opfer bringen müssen.
Beide Nibelungen-Inszenierungen sind mythisch aufgeladen. Nesterval legt dem Publikum nahe, sowohl Donaugold als auch Wallden nur ein einziges Mal zu besuchen – um den Zauber des Unbekannten nicht zu zerstören, sich überraschen zu lassen und nicht einmal ansatzweise zu versuchen, die vollständige Wahrheit zu verstehen.
Martin Finnland konzipierte 2011 Nesterval. Das gemeinsam mit Teresa Löfberg gegründete immersive Theaterensemble aus Wien, dessen künstlerischer Leiter und Regisseur Finnland ist, versteht sich als queeres Volkstheater, das Klassiker der Literatur- und Theatergeschichte in die Jetztzeit übersetzt, überzeichnet und dekonstruiert. Im Zentrum jeder Inszenierung stehen die Lust am Spiel, das Schaffen eines theatralen Erlebnisraums und das Einbezogensein des Publikums in die Performance: Statt durch Zwang eröffnet sich der interaktive Handlungsspielraum durch Empathie, durch ungewöhnliche Rollenbesetzung und vor allem durch das Gespräch – das auch nach dem Stück zwischen Publikum und Darsteller*innen gesucht und geführt wird. Bei Nesterval steht eine queere Technik der Selbstermächtigung im Vordergrund, bei der die lustvolle Ebene des Spiels immer auch eine politische Dimension hat und aktuelle gesellschaftspolitische Fragen aufgeworfen und verhandelt werden. Mit Nesterval war Martin Finnland dreimal für den Nestroypreis nominiert und erhielt 2020 für Der Kreisky-Test den Spezialpreis. Mit Die Namenlosen stand Nesterval 2024 auf der Shortlist des nachtkritik-Theatertreffens und im Showcase des Impulse Theater Festivals. Finnland inszenierte und produzierte bisher mehr als 40 Stücke. Zu Nestervals Kooperationspartner*innen und Auftraggeber*innen zählen u. a. brut Wien (seit 2016), das Internationale Sommerfestival Kampnagel, Hamburg, die Vereinigten Bühnen Bozen, der steirische herbst, die Kunsthalle Wien, das Wien Museum und die Wiener Staatsoper.
Nesterval macht immersives Theater. Queerness und Diversität sind Ausgangspunkte für alle Nesterval-Produktionen. In einer Mischung aus klassischen Spielmethoden und Elementen des immersiven Theaters kreieren Martin Finnland und sein Team seit 2011 performative Theatererlebnisse, in denen das Publikum Teil des Stücks wird. Die Produktionen von Nesterval sind ortsspezifische Projekte, die oft auch außerhalb des klassischen Theaterraums aufgeführt werden. Die Inszenierungen nehmen auf den kulturellen, sozialen und historischen Bestand des Spielortes Bezug, um so die Vielfalt und die Geschichte der Stadt erlebbar zu machen. Verbindende Elemente sind dabei, dass es in den Produktionen stets einen Verweis auf ein Mitglied der fiktiven Familie Nesterval gibt sowie auch oft eine spielerische Komponente, bei der die Teilnehmer*innen zu Mit-Akteur*innen werden oder werden können. Gemeinsam mit brut Wien realisierte Nesterval u. a. Nesterval’s Dirty Faust – ein Mash-up aus Goethes Faust und 1980er-Jahre-Tanzfilmen, Das Dorf und Sex, Drugs & Budd’n’brooks. Zuletzt war Nesterval im brut Wien 2024 mit Der Rosa Winkel – Die Geschichte der Namenlosen zu erleben, einer Weiterbearbeitung von Die Namenlosen (2023).