Michèle Pagel: Picknick am Wegesrand

Zeitgenössische Kunst Öffentlichkeit Installation
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2 Termine
Donnerstag 30. Juli
Freitag 31. Juli - open end
Fr 31. Juli -
open end
Installation
Michèle Pagel: Picknick am Wegesrand

Eröffnung: Donnerstag, 30. Juli 2026, 10 Uhr
Im Hof des neuen Gemeindebaus, Ljuba-Welitsch-Promenade 18, 1030 Wien
Erreichbarkeit: Straßenbahnlinie 18, Wildgansplatz oder Heinrich Drimmel-Platz

Es sprechen:
Marco Niebauer, Bezirksrat Wien Landstraße
Cornelia Offergeld, Künstlerische Leiterin KÖR Wien
Olga Wukounig, Chefkuratorin KÖR Wien
Paul Steurer, Vorstandsdirektor der GESIBA
Veronica Kaup-Kasler, Amtsführende Stadträtin Kultur und Wissenschaft, Wien

Im Anschluss: Elektronisches Musikprogramm von Philipp Quehenberger (Synthesizer) und Khadija Pamelia Stickney (Theremin).

Die Künstlerin ist anwesend.


Ein Picknick. Stellen Sie sich einen Wald vor, eine Wiese. Autos fahren von der Straße auf die Wiese, eine Gruppe junger Leute steigt aus, beladen mit Flaschen, Körben voller Essen, Transistorradios und Kameras. Sie machen Feuer, breiten die Decke aus, schalten die Musik ein. Am Morgen brechen sie auf.

Die Tiere, Vögel und Insekten, die die lange Nacht voller Scheu beobachtet haben, kriechen aus ihren Verstecken. Und was sehen sie?
(Arkadi und Boris Strugatzki, Picknick am Wegesrand)

Dieses Bild wird im Roman der Brüder Strugatzki als Metapher für den Besuch von Außerirdischen auf der Erde benutzt. Die extraterrestrischen Objekte, die sie hinterlassen, sind für die Menschen so unerklärlich wie die Überreste eines Picknicks für Wald- und Wiesentiere.

Auf dem Areal einer ehemaligen Stadtwildnis stellt die Bildhauerin Michèle Pagel im Hof des Gemeindebaus an der Ljuba-Welitsch-Promenade eine solche Szenerie aus der Sicht der Tiere dar. Aus zartfarbigem Beton gegossene Alltagsgegenstände – leicht abstrahiert und in unterschiedlichen Maßstäben überlebensgroß – sind auf einer Picknickdecke arrangiert. Unter der Decke schauen zwei Ecken schwarz-weißen Fliesenbodens hervor, wie man ihn aus Wiener U-Bahn-Stationen und Stiegenhäusern kennt; hier erwecken sie den Eindruck eines großen Spielbretts. Auch die anderen Objekte des Stilllebens lassen verschiedene Lesarten zu. Die prismenförmige Sandwichverpackung legt Kritik an Konsumverhalten und Müllproduktion nahe, in Pagels Formenvokabular kommt sie auch als ägyptische Pyramide vor. Die geschälte Mandarine, in klassischen Stillleben ein Vergänglichkeitssymbol, ähnelt Darstellungen des Erdballs. Die Spalten der Mandarine entsprechen den Zeitzonen auf dem Globus und die flach am Boden liegende Schale der Weltkarte. Die Amphore erinnert an archäologische Fundstücke aus römischer Zeit, die bei Grabungen am Gelände zu Tage gekommen sind, das Babyfläschchen und der Hausschlapfen verweisen auf die zeitgenössischen Bewohner*innen. Das größte Objekt der Gruppe ist die Dame, die stärkste Figur im Schachspiel. Im Haus leben viele Alleinerziehende, ihnen soll sie ein feministisches Zeichen der Ermächtigung setzen.

Auf und zwischen den Gegenständen sitzen vor Ort heimische Tiere aus patinierter Bronze, die Assoziationen hervorrufen. So symbolisiert etwa die Schnecke gemeinhin Entschleunigung, was durchaus als beispielhafte Verringerung des ökologischen Fußabdrucks gedeutet werden kann. Die Biene wird mit Fleiß und mit Umweltschutz in Verbindung gebracht, der Marienkäfer gilt als Glücksbringer. Auch für Raupe, Libelle, Heuschrecke, Feuerwanzen und Nachtfalter lassen sich – wenn auch weniger landläufig bekannte – Zuschreibungen finden. Ihnen allen bot die Brache, die eine große Artenvielfalt beheimatete, bereits vor der Bebauung innerstädtischen Lebensraum. Die naturalistischen, aber nicht naturgetreuen, leicht verniedlichten Tierskulpturen und -reliefs sollen insbesondere das Interesse von Kindern wecken. Ihr Maßstab und ihre glatte handzahme Oberfläche laden dazu ein, sie zu berühren. Jedes Tier wurde von Pagel händisch aus Wachs geformt und nach dem Guss in der Bronzegießerei zur Farbgebung poliert und patiniert. Die anderen Objekte hat sie ebenfalls eigenhändig in Originalgröße aus Ton modelliert. Bildhauerkolleg*innen haben in ihren Wiener Ateliers die Gussformen angefertigt, die Objekte armiert und in Beton gegossen. Die Beimischung von Farbpigmenten in die dichte Betonmasse sorgt für die sanften Färbungen, beigefügter Glimmer lässt die Betonoberflächen glitzern. Diese Form der Produktionsgemeinschaft unter Künstler*innen ist dem Denken der Wiener Werkstätte entlehnt.

Pagel verwendet hier klassische bildhauerische Materialien und knüpft damit auch bewusst an die einzigartige Tradition der Gemeindebauskulptur an. Mit Handarbeit und hochwertiger Materialität drückt sie ihren Stolz auf das Gemeingut des Wiener Gemeindebaus aus.

Die Beschäftigung mit häuslichen und familiären Strukturen zieht sich durch Pagels künstlerisches Werk. Tradierte Rollenbilder und gesellschaftliche Machtverteilung hinterfragt sie mit kritischem wie humorvollem Blick und der ihr eigenen rebellischen Formensprache. In ihren skulpturalen Objekten setzt sie neben alltäglichen Versatzstücken oft typische Baustoffe ein wie keramische Installationsrohre oder Ziegel, die sie vor dem Brennen und Glasieren bearbeitet. Tiere, wiederkehrend etwa die Heuschrecke, Pflanzen und Haushaltsgegenstände dienen ihr dabei als Symbolträger; so auch im Picknick am Wegesrand, dessen überdimensionale Relikte einer vermutet menschlichen Zivilisation uns in Erinnerung rufen, dass wir auf dieser Erde vorübergehende Besucher*innen sind. (Olga Wukounig)

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