Julia Frank: Hot Lesbians
Zeitgenössische Kunst Fotografie Literatur Ausstellung
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Die Eröffnung beginnt am 04.09.2026 ab 18:00 Uhr; die Lesung von Helen Palmer findet um 20:00 Uhr statt. Die Ausstellung läuft vom 04.09.2026 bis zum 02.10.2026.
Mehr über die Arbeit “Hot Lesbians”:
Ausgangspunkt der Arbeit ist das 1989 in Italien veröffentlichte Erotikmagazin Raccolta Gigante, Ausgabe HOT LESBIANS. Die Fotografien stammen aus einer kommerziellen Erotikproduktion und zeigen Frauen in Situationen lesbischer Intimität. Die Bilder schreiben den dargestellten Frauen ein lesbisches Begehren zu, ohne dabei zwangsläufig lesbische Selbstrepräsentation zu sein. Sie entstehen innerhalb einer kommerziellen Bildwelt und werden für ein bestimmtes Publikum produziert und vertrieben.Mich interessiert die Spannung, die darin liegt: Wer darf sich in diesen Bildern selbst erkennen? Was geschieht, wenn die Fotografien nicht länger nur als Anschauungsmaterial betrachtet werden, sondern an jene zurückgegeben werden, deren Begehren sie zeigen? 1989 treffen dabei zwei unterschiedliche Formen lesbischer Sichtbarkeit aufeinander. In Italien erscheint HOT LESBIANS als kommerzielles Erotikmagazin. Gleichzeitig entstehen in Wien innerhalb der Lesbenbewegung eigene Räume für Austausch, Selbstorganisation und Gemeinschaft. Der Lesbenrundbrief begleitet diese Entwicklung; im Zusammenhang mit dem Lesbentreffen von 1989 stehen „Lesbenalltag“ und „Lesbenstrukturen“ im Mittelpunkt. Während die einen Bilder lesbische Intimität darstellen, geht es in den anderen Räumen darum, lesbisches Leben selbst zu artikulieren, Strukturen aufzubauen und miteinander in Verbindung zu treten.Diese Gleichzeitigkeit bildet den historischen Ausgangspunkt der Arbeit. Auf der einen Seite steht ein Bild, das lesbische Intimität sichtbar macht. Auf der anderen eine Gemeinschaft, die ihre eigene Öffentlichkeit herstellt. Zwischen beiden entsteht eine Verschiebung: von der Darstellung zur Selbstrepräsentation, vom Betrachtetwerden zum Sich-selbst-Erkennen.Die Fotografien werden deshalb nicht als abgeschlossene Dokumente ihrer Zeit behandelt. Einzelne Momente: Berührungen, Körperhaltungen, Haut, Hände und Bewegungen werden aus den Bildern herausgelöst, vergrößert und neu miteinander verbunden. Die ursprünglichen Szenen lösen sich auf, während die Fragmente etwas Eigenständiges entwickeln. Die Vergangenheit des Bildes bleibt darin erhalten, doch seine Adressierung verändert sich.Was einst für ein bestimmtes Publikum produziert wurde, kann nun von einem Publikum gelesen werden, das sich in dem dargestellten Begehren selbst wiederfindet. Die Aneignung wird damit zu einer Form der Emanzipation: Das Bild muss nicht länger nur davon handeln, wie lesbische Intimität betrachtet wird, sondern kann davon handeln, wie sie sich selbst betrachten, erinnern und weitertragen lässt.In diesem Prozess wird die Raute zur verbindenden Form. Ihre Gestalt erinnert an die Vulva und verweist auf Körper, Intimität und Lust. Zugleich erscheint sie als # als Zeichen, das einzelne Beiträge miteinander verbindet, Sichtbarkeit erzeugt und Menschen über gemeinsame Begriffe auffindbar macht.Darin liegt eine Verbindung zwischen den Kommunikationsformen von damals und heute. Was in den 1980er Jahren über Rundbriefe, Lesbentreffen, Gruppen und persönliche Netzwerke entstand, findet heute eine digitale Entsprechung in sozialen Medien. Der Hashtag kann einzelne Erfahrungen zusammenführen, Menschen auffindbar machen und aus individuellen Stimmen ein kollektives Bewusstsein entstehen lassen: Du bist nicht allein.Gleichzeitig ist diese Sichtbarkeit ambivalent. Der Hashtag schafft keinen geschützten Raum an sich. Er macht sichtbar und verbindet, kann aber ebenso Gegenrede, Vereinnahmung und queerfeindlichen Angriffen ausgesetzt sein. Gerade diese Spannung macht ihn zu einem politischen Zeichen. Durch das Besetzen und Umdeuten bestehender Begriffe können marginalisierte Communities ihre eigenen Erzählungen sichtbar machen und dominante Bedeutungen verschieben.Auch darin findet sich eine Parallele zu meiner Arbeit. Vorhandenes Material wird übernommen und neu gelesen. Die Fotografien werden nicht gelöscht oder ihrer Geschichte beraubt, sondern umgeschrieben. Ihre ursprüngliche Bedeutung bleibt als Spur bestehen, während eine neue Perspektive hinzukommt.Die Raute verbindet dabei zwei Formen der Intimität: die körperliche und die soziale. Sie verweist auf die Vulva und damit auf weibliche Lust, zugleich auf das Netzwerk, das aus einzelnen Zeichen entsteht. Das einzelne Bildfragment wird Teil eines größeren Zusammenhangs so wie ein einzelner Beitrag durch einen Hashtag Teil einer gemeinsamen Erzählung werden kann. Die Arbeit bewegt sich damit zwischen Italien und Wien, 1989 und Gegenwart, Erotikmagazin und Lesbenrundbrief, gedrucktem Bild und digitalem Netzwerk. Sie fragt danach, wie sich lesbische Sichtbarkeit verändert, wenn sich nicht nur das Medium, sondern auch die Adressierung verändert.Die Raute wird so zu einem Zeichen zwischen Körper und Öffentlichkeit, Lust und Selbstbestimmung, Erinnerung und Gegenwart. Sie trägt die Geschichte der Bilder weiter, aber nicht mehr unbedingt in der Richtung, in der sie ursprünglich verbreitet wurden.