Jojo Gronostay: Afterimage (Composites)

Zeitgenössische Kunst Ausstellung
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1 Termin
bis Samstag 28. Februar
bis Sa,
28. Feb.
Ausstellung
Jojo Gronostay: Afterimage (Composites)

Ein Nachbild (engl. Afterimage) ist eine optische Täuschung: Ein visueller Reiz hinterlässt einen Abdruck auf der Netzhaut, der fortbesteht, auch wenn das Bild selbst längst verschwunden ist. Oft erscheint es als Farbblitz. Es markiert einen Moment der Überlagerung von Vergangenheit und Gegenwart, von dem noch Existenten und dem Verschwindenden. In Jojo Gronostays Praxis spiegeln sich dieses „Dazwischen“ und die Schichtungen in den Materialien und Bildern wider, die Spuren politischer und wirtschaftlicher Strukturen tragen, welche die Beziehungen zwischen ehemals kolonisierten afrikanischen Ländern und dem sogenannten Westen bis heute prägen.

Die neue Werkserie Untitled (Afterimage) (2026) führt zwei Farbfelder zusammen: u.a. ein taktiles, stoffähnliches Braun und ein säuerliches Gelb. Verbunden werden sie durch einen Streifen logobedrucktes Klebeband von Gronostays Label Dead White Men’s Clothes (DWMC). Der Name des Labels bezieht sich auf den ghanaischen Ausdruck „Obroni Wawu”, der während der ersten Welle von Secondhand-Lieferungen aus Europa nach Ghana aufkam: Die Kleidungsstücke waren von so hoher Qualität, dass man kaum glauben konnte, dass sie weggegeben wurden, und daher annahm, ihre früheren Besitzer:innen müssten verstorben sein. Für das Projekt reiste Gronostay mehrmals nach Ghana, wählte Kleidungsstücke auf dem Kantamanto-Markt in Accra – einem der größten Secondhand-Textilmärkte der Welt – aus und brachte sie zurück, um sie erneut in einen westlichen Kontext einzuführen und so die globale Zirkulation von Waren und die Erzeugung von Wert und Bedeutung sichtbar zu machen.

In der Videoarbeit The Elephants (2025), dem zentralen Werk in Jojo Gronostays zweiter Einzelausstellung in der Galerie, taucht das Label DWMC erneut auf Kappen und T-Shirts auf, ebenso wie surreale, überlange Jeans, die aus Textilfragmenten zusammengenäht sind – Kleidungsstücke, die den Körper in einen liminalen Raum zu strecken scheinen. Männliche Figuren bewegen sich durch eine neblige Landschaft, ihre Beine tragen sie über den Boden und verleihen ihnen etwas Gespenstisches. Aus einem verlassenen Gebäude kommend, bewegen sie sich in einer langsamen Prozession durch eine Kleinstadt und tanzen beim Meer, wobei sie sich vom Wind ziehen und wiegen lassen – bis irgendwann eine Figur zu kollabieren scheint und ins Wasser stürzt. Gronostay bezieht sich auf Salvador Dalís Gemälde Die Elefanten (1948), in dem massive Tierkörper – Symbole für Macht und Herrschaft – auf zerbrechlichen, mückenartigen Beinen getragen werden, eine Spannung, die subtil auf die lange Geschichte ungleicher Handelsbeziehungen zwischen Afrika und Europa anspielt. In Teilen Westafrikas gelten Stelzenläufer:innen als Vermittler:innen zwischen Welten: zwischen Vergangenheit und Gegenwart, Leben und Tod. Hier bleibt die Kleidung in der Schwebe, während die Körper selbst in der Luft balancieren.

Die Serie aus Schwarz-Weiß-Fotografien Landscapes (2025) oszilliert zwischen Dokumentation und Abstraktion und gleitet in Fragmente schwer zu fassender Erinnerungen ab. Die Bilder wirken taktil, fast so, als wären sie mit Kohle gezeichnet und mit Wasserfarben verwischt. Sie führen uns zurück nach Accra, wo die Menge an Kleidung so groß ist, dass Verkäufer:innen und Importeur:innen die Kleidungsstücke bei Regen über die Gehwege verteilen, um Schmutz und Wasser aufzusaugen. Die oft schon in schlechtem Zustand befindlichen Kleidungsstücke werden unbrauchbar – fast völlig unkenntlich –, wenn sie in den Boden gedrückt werden. Die Fotoserie entstand mit einem Handscanner, während Gronostay durch die Stadt geht, die Oberfläche des Bodens in Bewegung erfasst und „Abdrücke“ von Stoffen festhält. Die Fotografien scheinen die Kleidungsstücke mitten im Wirbel einzufangen, während Fragmente von Buchstaben und Logos als Spuren globaler Märkte und kapitalistischer Konsumkultur zurückbleiben: flüchtige Blitze von Coca-Cola, PlayStation, Hannah Montana. Sie deuten auf das Schicksal von Kleidung hin, die zerfällt und langsam unbrauchbar wird. Metaphorisch gesehen können diese Werke als spätkapitalistische Landschaft betrachtet werden, in der Überfluss zu Marktinkompatibilität und in der Folge zur Eliminierung führt.

In der gesamten Ausstellung zeichnet Gronostay die Spuren von Wertehierarchien nach. Während Hierarchien durch Ordnung aufrechterhalten werden, widersetzt er sich ihnen durch Verzerrung, Fragmentierung und poetische Gesten, die zuweilen die Darstellung stören und in Abstraktion übergehen. Indem er durch DWMC, sein Projekt und Label, in den Warenverkehr eingreift, zeigt Gronostay, wie Werte generiert werden, zusammenbrechen und neu entstehen – und gibt den Kleidungsstücken, die in Filmen, Fotografien und Objekten erneut auftauchen, ein Nachleben.

—Olesia Shuvarikova

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