James Lewis: The Third House
Zeitgenössische Kunst Ausstellung
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Sometimes I think I’ve built a new house in my memory. When I try to walk through it, the rooms change size and the doors go nowhere. Maybe that’s what remembering is? A kind of architecture made of errors. A way of living in what isn’t there anymore.
— Auszug aus The Third House (2025)
Die Galerie Hubert Winter freut sich, The Third House, die dritte Einzelausstellung von James Lewis (geb. 1986 in London, lebt und arbeitet in Wien) in der Galerie, zu präsentieren. Der Titel der Ausstellung stammt von Lewis’ gleichnamiger Videoarbeit, einem mit Untertiteln versehenen Gespräch mit seiner Mutter, in dem diese versucht, das Haus zu rekonstruieren, in dem sie in Indien aufgewachsen ist, bevor ihre Familie 1963 nach Großbritannien auswanderte. Während sich ihr räumliches Gedächtnis ausbreitet, wird das Haus instabil – Räume verschieben sich, Türen führen ins Leere, und der Akt des Erinnerns wird als „eine Art Architektur aus Fehlern“ beschrieben. Aus diesem Satz entwickelte Lewis Error Architecture, einen konzeptuellen Ansatz und eine Leitmethodik innerhalb seiner künstlerischen Praxis, die Annäherung und Vergessen als bedeutungsvolle Spuren eines Bruchs versteht. Der Bruch ist hier kein einzelnes Ereignis, sondern ein andauernder Zustand, der durch imperiale Ausbeutung entstanden ist und in dem sich koloniale Nachwirkungen [1], Umweltveränderungen und Verwaltungssysteme sedimentiert haben. In diesem Kontext betrachtet die Ausstellung die Rekonstruktion als einen spekulativen und ethisch aufgeladenen Prozess – provisorisch, revidierbar und verantwortlich gegenüber dem, was der Bruch ungelöst hinterlässt.
In der Ausstellung richtet Lewis sein Augenmerk auf die Maßstäbe, nach denen Subjekte kategorisiert, geordnet und für Macht- und Herrschaftssysteme lesbar oder unlesbar gemacht werden. In der Mitte der Galerie hängt eine sezierte und neu interpretierte Version der Decke aus dem Elternhaus des Künstlers. Durch eine offene Luke beleuchtet eine Infrarot-Wärmelampe das Werk Can Science Measure Everything? (2026), eine Anordnung von gebrauchten Gussformen, die einst zum Gießen von Angelgewichten dienten.
Lewis beschäftigte sich mit Le Grand K, dem Kilogramm-Etalon, der in einem verschlossenen Tresorraum im Internationalen Büro für Maße und Gewichte in der Nähe von Paris aufbewahrt wurde. Per Definition wog dieses Objekt genau ein Kilogramm. Es konnte sich nicht irren, denn es war das Kilogramm, und alles andere auf der Welt wurde daran gemessen. Als es 1879 eingeführt wurde, wurden Dutzende nahezu identischer offizieller Kopien, sogenannte Schwestermaße, an Länder auf der ganzen Welt verteilt, um als nationale Referenz zu dienen. Über Jahrzehnte hinweg wurden diese Kopien in regelmäßigen Abständen nach Paris zurückgebracht und mit dem Original verglichen. Doch im Laufe von etwa einem Jahrhundert verlor das Original aus irgendeinem Grund an Masse und seine Kopien drifteten auseinander. Für Lewis funktioniert Erbe genau so: Ein Standard wird weitergegeben, und man misst sich an etwas, das still und leise abdriftet und an Definition verliert.
No Common Now (2026), eine Serie von Wandarbeiten – von Beton überzogene Archivboxen – erweitert Lewis’ Auseinandersetzung mit dem Thema des Messens der Masse hin zur Quantifizierung der Zeit. Die Serie verdeutlicht, dass es kein universelles „Jetzt“ gibt. Die Zeit vergeht je nach Standpunkt unterschiedlich schnell, und das „Jetzt“ erstreckt sich nur so weit wie unsere unmittelbare Umgebung. In jeder Box befinden sich verschiedene Etiketten, die eine Zeiteinheit benennen – einige in der präzisen Sprache der Physik, andere in umgangssprachlichen Ausdrücken. Obwohl sie scheinbar unterschiedliche Dinge beschreiben, bezeichnet jedes Etikett denselben Zeitraum; ihr Unterschied liegt also nicht in dem, was gemessen wird, sondern in der Position und dem System, von dem aus gemessen wird.
Im angrenzenden Raum in der Breite Gasse 19 verlaufen Metallrohre entlang der Wände und des Bodens und funktionieren wie eine künstliche Lunge – Luft wird aufgesaugt, welche dann mit einem spezifischen Geruch vermischt und in den Raum ausgeatmet wird. The Past is a Foreign Country (2026) ist ein Versuch, das Duftprofil der Bucht von Bombay (heute Mumbai) am 22. Oktober 1963 zu rekonstruieren – dem Tag, an dem die Mutter des Künstlers von Indien nach Großbritannien auswanderte. Entstanden in Zusammenarbeit mit RYOKO Senses Salon / RYOKO Scent und unter Rückgriff auf archivierte Familienfotos, Wetterberichte, Behördendaten und die lückenhafte Erinnerung seiner Mutter, behandelt das Werk den Duft als eine Form der Umweltübersetzung, in der räumliche Bedeutung aus der Distanz neu interpretiert wird.
The Third House wird parallel zu Lewis’ Präsentation auf der 18. Biennale de Lyon eröffnet, wo unter anderem ebenfalls The Past is a Foreign Country (2026) zu sehen ist. Die beiden Ausstellungen sind, wie der Künstler es ausdrückt, dasselbe Haus in zwei verschiedenen Städten. Während sich die Installation in Lyon mit dem räumlichen Gedächtnis und dessen Instabilität auseinandersetzt, lädt die Ausstellung in der Galerie Hubert Winter dazu ein, unter etwas zu stehen, das langsam und auf unerklärliche Weise ein Maß neu definiert. Wie bei No Common Now (2026) betrachten die beiden Präsentationen dasselbe Haus aus unterschiedlichen Blickwinkeln, und was geboten wird, ist kein wiederhergestellter Ursprung, sondern ein aus Fragmenten zusammengesetztes Haus – eine Art, in dem zu leben, was nicht mehr vorhanden ist.
[1] Vgl. Gargi Bhattacharyya, Rethinking Racial Capitalism. Questions of Reproduction and Survival, London 2018.
James Lewis ist ein Künstler der südasiatischen Diaspora. Er lebt in Wien, Österreich. Anhand von Skulpturen, Installationen, Videos und Sound untersucht er, wie Messsysteme die Wahrnehmung und das Erleben prägen. Seine Arbeiten setzen sich mit den Logiken der Quantifizierung auseinander, die komplexe Realitäten auf Daten reduzieren, und hinterfragen die Rahmenbedingungen, die die Beziehungen zwischen Menschen, Tieren und Objekten definieren.
Seine Werke wurden auf der 18. Biennale de Lyon und in internationalen Institutionen gezeigt, unter anderem: Kunsthalle Wien, Österreich (2026); Kunsthalle Recklinghausen, Deutschland (2025); MassArt Art Museum (MAAM), USA (2025); Leopold Museum, Österreich (2024); Kunstverein Salzburg, Österreich (2022); Fondazione Benetton, Italien (2022); Mostyn, Großbritannien (2022); CAPC musée d’art contemporain de Bordeaux, Frankreich (2021).