In Limbo or On How to Move On
Performance Kunst Visuelle Kunst Video Ausstellung Performance Vortrag Screening Installation
Verbindung zu esel.at
Wir arbeiten innerhalb eines Zustands der Vorläufigkeit — zwischen Experiment und Einschränkung, Offenheit und Regulierung, kollektiver Nutzung und individueller Unsicherheit. Angst erscheint dabei weniger als Motiv einzelner Arbeiten, sondern als strukturelle Bedingung, die sich unmittelbar in Materialien, Arbeitsweisen und Formen der Zusammenarbeit einschreibt.
Gleichzeitig verstehen wir Angst nicht als etwas, das überwunden oder verdrängt werden muss. Auch wenn sie gegenwärtige künstlerische Produktion mitbestimmt, soll sie nicht zum alleinigen Maßstab künstlerischer Entscheidungen werden. Uns interessiert vielmehr, wie sich ein Bewusstsein für Unsicherheit entwickeln lässt, ohne sich vollständig von ihr einnehmen zu lassen.
Angst kann dabei ebenso Motor wie Hemmung sein — sie macht Brüche, Fragilitäten und Grenzen sichtbar, eröffnet aber gleichzeitig neue Formen von Aufmerksamkeit, Resilienz und Experiment. Gerade innerhalb instabiler Bedingungen entstehen neue Wege der Zusammenarbeit, neue Ausdrucksformen und die Möglichkeit, künstlerische Praxis anders zu denken.
Während der Vienna Art Week navigieren Besucher:innen durch Ateliers, leerstehende Büroräume, Übergangszonen, Installationen und Performances, die sich über das gesamte Gebäude verteilen. Das Projekt versteht sich nicht als abgeschlossene Ausstellung, sondern als offener, sich verdichtender Prozess, innerhalb dessen neue Arbeiten, Beziehungen und performative Situationen entstehen können. Unterschiedliche künstlerische Positionen reagieren dabei auf die räumlichen, sozialen und politischen Bedingungen des Hauses und treten miteinander in Beziehung.
Das Nüll befindet sich in einem ehemaligen Gebäude der MA11 gegenüber einer Polizeistation im 10. Wiener Gemeindebezirk. Einst ein Ort institutioneller Fürsorge, Verwaltung und Kontrolle, wird das Gebäude heute temporär von Künstler:innen, Kulturschaffenden und Praktiker:innen unterschiedlichster Hintergründe genutzt. Die Geschichte des Hauses, seine Architektur und seine gegenwärtigen Bedingungen prägen die künstlerischen Prozesse, die darin entstehen. Der Raum bleibt dabei gleichzeitig Experiment und Einschränkung: ein Ort, der Offenheit ermöglicht und dennoch permanent an institutionelle Bedingungen gebunden ist.
Besonders der Keller des Gebäudes nimmt innerhalb des Projekts eine zentrale Rolle ein. Als Unterbau des Hauses trägt er die Spuren seiner Geschichte, seiner Infrastruktur und seiner Unsichtbarkeit in sich. Der Keller wird nicht als neutraler Ausstellungsraum verstanden, sondern als Verdichtungsraum unterschiedlicher künstlerischer Positionen — als Angstraum, Projektionsfläche und temporärer Rückzugsort zugleich. Gerade jene Bereiche des Hauses, die sich klarer Funktion, institutioneller Ordnung oder Repräsentation entziehen, interessieren uns.
Durch Installationen, Interventionen und Performances entstehen Räume, die zwischen Sichtbarkeit und Verdrängung, Schutz und Unsicherheit oszillieren.
Mit Ende 2027 muss das Gebäude geräumt und in seinen ursprünglichen Zustand zurückversetzt werden. Wände müssen weiß übergeben, Böden makellos hinterlassen werden. Die zeitliche Begrenzung der Nutzung schreibt sich direkt in die Produktion der Arbeiten ein und macht sichtbar, wie eng künstlerische Freiheit mit institutionellen, räumlichen und ökonomischen Bedingungen verwoben bleibt.
Das Projekt sucht nicht nach Auflösung oder Stabilität. Vielmehr interessiert uns, welche neuen Perspektiven, Formen von Kollaboration und künstlerischer Handlungskraft innerhalb fragiler Bedingungen entstehen können. Das Gebäude wird dabei selbst zum Resonanzkörper einer Gegenwart, die von Unsicherheit geprägt ist und dennoch neue Möglichkeiten des Denkens, Produzierens und Zusammenlebens hervorbringt.