Imagining Queer Utopia
Zeitgenössische Kunst Ausstellung
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Was wäre, wenn wir uns erlaubten, das Leben in seiner ganzen Intensität zu spüren, selbst wenn es uns irritiert oder verunsichert?
Die neue Ausstellung im QUEER MUSEUM VIENNA erträumt eine Utopie, in der der Mensch nicht als Herrscher der Welt, sondern als sich ständig transformierender Teil dieser verstanden wird. Hierarchien verschwinden, Beziehungen sind in ständigem Fluss und auch das Selbst steht immerzu im Wandel. In dieser Zukunftswelt müssen sich Begehren und Identität nicht in Kategorien fügen. Die Ausstellung ruft stattdessen dazu auf, seinem Verlangen ohne Urteil zu folgen.
Großformatige Textilarbeiten der Künstlerin Zula Tuvshinbat zeigen wilde, feminine und göttliche Gestalten, die verführen, aber auch bedrohlich wirken. Verlangen, Angst und Spannung sind zeitgleich erfahrbar. Surreale Malereien von Krzysztof Gil erzählen von hybriden Wesen, von Sirenen und mythologischen Begegnungen, die simultan ein Spektrum von Stimmen und Perspektiven ermöglichen. Queeres Begehren, welches sich weigert, normativen Skripten zu folgen, präsentiert sich in seiner Vielfalt.
Der Kurator der Ausstellung, Michał Rutz, positioniert Ökologie in seiner Utopie als verflochten mit dem veränderlichen Selbst. Menschen und Materie sind instabil, sie existieren in mehreren potenziellen Zuständen. In den Kunstwerken verschmelzen Körper, Objekte und Landschaften. Sie lassen binäre Ordnungen und egozentrische Erzählungen hinter sich.
Liliana Zeics Arbeit verhandelt die organische Welt in ihrer Komplexität, von Fortpflanzung bis Zuwendung. Der kolumbianische multidisziplinäre Künstler Carlos Motta nimmt die Betrachter:innen in einer kontemplativen Videoinstallation mit in die Kolonialzeit und deren Narrativ der Sünde. Die großformatigen Gemälde von Paweł Matyszewski laden zum Eintauchen in organische Formen, in Kompositionen aus Blüten, Haaren, Ranken und Körper ein. Sie bewegen sich zwischen Schönheit und Ekel, zwischen Pflanzen und Intimität. Genauso verschmelzen in Pille-Riin Jaiks Skulptur Materialien und Objekte miteinander. Sie besticht durch Materialität, die ihre eigene Geschichte erzählt. Bartosz Kokosińskis Assemblagen verschlingen ganze Städte. Das Einfamilienhaus, ein Abbild der etablierten Ordnung der nuklearen Familie, wird verbogen und verdreht. Neue Möglichkeiten des kommunalen Lebens erwachsen aus der dargestellten Zerstörung.
Kuratiert von Michał Rutz Mit Bartosz Kokosiński, Carlos Motta, Krzysztof Gil, Liliana Zeic, Paweł Matyszewski, Pille-Riin Jaik, Zula Tuvshinbat
From Ego to Eco
Diese Utopie hat kein Zentrum – keinen Kopf, keine Autorität.
Der Mensch nimmt keine privilegierte Position über der Welt ein; er ist weder ihr Herrscher noch ihr Maßstab. Er existiert als Teil einer Collage aus Körpern, Materialien und Kräften – verflochten, voneinander abhängig und durch Beziehungen in ständiger Transformation.
Es gibt kein getrenntes, stabiles „Selbst“ – keine reine Kultur, Nation, race oder auch nur einen Organismus als in sich geschlossenes Ganzes. Selbst Materie ist instabil: Sie existiert in mehreren potenziellen Zuständen, ist permanent verschränkt, vibrierend und kollidierend. Menschen sind ökologische Assemblagen, zusammengesetzt aus Billionen von Mikroben. Selbst unsere Zellen sind hybrid – Mitochondrien waren einst eigenständige Bakterien. Und all das kratzt kaum an der Oberfläche der Kräfte, die uns ausmachen.
Werden statt Sein
Wenn das Selbst niemals fixiert ist, dann ist es auch das Begehren nicht. Begehren – vorsubjektiv – fließt frei durch Körper, Begegnungen und soziale Gefüge. Es muss sich nicht in vorgeschriebene Identitäten einfügen – Mann oder Frau, cis oder trans, hetero, schwul, bi, ace, top oder bottom, Schwarz, Braun, Weiß und so weiter und so weiter. Die Behauptung „Ich bin X“ kann Begehren einfrieren und den Fluss von Neugier und Möglichkeiten unterbrechen. Sie riskiert, gelebte Empfindungen durch Identität als Verpflichtung zu ersetzen, den Reichtum tatsächlicher Erfahrung Skripten und Etiketten unterzuordnen und das Leben in Pflicht statt in gelebte Intensität zu verwandeln. Was wäre, wenn wir – statt sofort zu benennen oder zu urteilen – dem Begehren einfach folgten und das Leben vollständig spürten, selbst dann, wenn es uns desorientiert oder verunsichert?
Gegen Regime der Identität
Faschismus und Kapitalismus stützen sich auf Identitäten, die durch Konsum, Wettbewerb und Zugehörigkeit geformt sind und in binären Gegensätzen wurzeln – Selbst/Andere, Mensch/Natur, männlich/weiblich, innen/außen, Nation/Fremde. Diese vorhersehbaren Formen ordnen, hierarchisieren und disziplinieren; sie beschränken das Begehren, verengen die Vorstellungskraft und beugen Körper zur Gehorsamkeit. Identität fungiert als Filter und Kanal: Sie fängt Affekte und Begehren ein, formt sie zu sozial akzeptablen Gestalten und kappt dabei ihren Überschuss, ihre Intensität und ihre Wildheit.
Fluides Selbst und die Politik des Begehrens
Im Gegensatz dazu ruft dieses utopische Projekt das fluide Selbst und das Begehren auf – relational, instabil und stets im Werden. Queeres Begehren wird politisch, weil es sich weigert, auf statische Identitäten, normative Skripte, Produktivitätsregime oder utilitaristische Logiken festgelegt zu werden. Es läuft über, tropft, leckt und spritzt über Grenzen hinweg, kontaminiert, verschmiert und beschmutzt die faschistische Fantasie der Reinheit – und sickert in chaotische, wilde und unvorhersehbare Weisen des Lebens, Liebens und Sich-Beziehens.
Die Arbeiten dieser Ausstellung verkörpern diesen Überschuss. Körper, Objekte und Landschaften verschmelzen, mutieren und fließen ineinander, bilden hybride Gebilde, die binäre Ordnungen und egozentrische Erzählungen hinter sich lassen. Was sich entfaltet, ist ein Tableau queerer Öko-Mythologie, bevölkert von seltsam geformten Wesen, Anomalien und Ausgestoßenen. Im Bruch mit anthropozentrischer Logik laden sie uns ein, zu verlernen, abzudriften und die Strukturen der Unterdrückung zu verlernen und abzubauen. Macht euch bereit, verwirrt zu werden – auf Streifzug mit wilden Wesen, die sich der Einhegung widersetzen und das Vorstellbare neu schreiben.