IG Timeline: Time In Space IV
Verbindung zu esel.at
Prozesshafte Installation in fünf Teilen in der Gumpendorfer Straße
Wir möchten gemeinsam mit euch den vierten Teil unserer und eurer Timeline eröffnen: Denn was die IG Bildende Kunst ausmacht, entsteht im gemeinsamen Erinnern, im Austausch und darin, Geschichte miteinander weiterzudenken. Sie lebt durch euch, ihr gebt ihr Form und Bedeutung.
Die frühen 2000er Jahre waren in Österreich von politischen Auseinandersetzungen geprägt. Die Proteste gegen die schwarz-blaue Bundesregierung unter Bundeskanzler Wolfgang Schüssel wurden zum sichtbaren Ausdruck eines gesellschaftlichen Widerstands. Auch kulturpolitisch war die Zeit von Kürzungen, knappen Förderbudgets und wiederkehrenden Protesten bestimmt. Für Künstler:innen bedeutete dies eine weiterhin starke Auseinandersetzung mit den strukturellen Bedingungen ihrer Arbeit: Wer kann unter welchen Bedingungen Kunst produzieren, und welche Formen von sozialer und institutioneller Absicherung stehen dafür zur Verfügung?
Gleichzeitig veränderte sich die künstlerische Praxis grundlegend. Video, Netzkunst und digitale Medien entwickelten sich von experimentellen Formen zu selbstverständlichen Bestandteilen zeitgenössischer Kunst. Mit den ersten Social-Media-Plattformen entstanden neue Formen von Öffentlichkeit, Vernetzung und Community – und damit auch neue Fragen nach Sichtbarkeit, Teilhabe und Zugang.
Mehr Kunstsparten, mehr Kunstmessen, mehr Galerien, mehr Netzwerke, mehr Events, mehr Kurator_innen, mehr Orte, mehr Markt, mehr Modelle, mehr Künstler_innen, mehr Kunst. Die IG BILDENDE KUNST stellt sich und Künstler_innen die Fragen: „Ist Kunst nicht was für gut vernetzte Einzelkämpfer_innen?“ – „Brauche ich eine Interessengemeinschaft, wenn ich ein Netzwerk habe?“
(Aus dem Ausstellungstext zum Vorstandsprojekt „In Ihrem Interesse“ 2013)
Interessenvertretung, soziale Rechte und „Bleiberecht für Alle!“
Für die IG Bildende Kunst waren diese Jahre von intensiver kulturpolitischer Arbeit geprägt. Faire Arbeitsbedingungen, das Folgerecht und die Interessenvertretung gegenüber Verwertungsgesellschaften gehörten zu den zentralen Themen. Mit der Gründung des Kulturrats Österreich entstand zudem eine gemeinsame politische Plattform der Interessenvertretungen im Kulturbereich.
Die kunstpolitische Arbeit weitete sich zunehmend über klassische Fragen der Kunstförderung hinaus aus. Durch das Engagement einzelner Vorstandsmitglieder rückten auch Antirassismus sowie Aufenthalts- und Beschäftigungsrecht in den Fokus. Dabei wurden Ausstellungen, Aktionen und Statements initiiert, die auf die prekären rechtlichen und sozialen Bedingungen aufmerksam machten, mit denen Künstler:innen ohne österreichischen oder EU-Pass konfrontiert waren und für Solidarität mit Migrant:innen und Flüchtlingen.
Kollektiv, widerspenstig und feministisch
Die IG wurde dabei auch zu einem Ort, an dem gesellschaftliche Machtverhältnisse innerhalb und außerhalb des Kunstfeldes verhandelt wurden. Feministische und kollektive Praktiken, Protestformen, Grenzen, Ausschlüsse und Fragen der Repräsentation fanden Eingang in Ausstellungen, Bildpunkt-Beiträge und Aktionen.
Die Workshopreihe „Wir werden die Kunst schon schaukeln! Zur Vereinbarkeit von Elternschaft und Künstler_insein“ eröffnete Räume für Austausch und die Entwicklung gemeinsamer Forderungen an die Politik in Bezug auf die Vereinbarkeit von Künstler:insein und Elternsein.
Alles was Recht ist
Mit dem 2002 gestarteten „Survival Training für Künstler:innen“ entstand ein bis heute prägendes Format der kunstpolitischen Arbeit. Wissen über Steuer, Sozialversicherung, KSVF, Aufenthaltsrecht, Kunst im öffentlichen Raum, Publishing oder Projektfinanzierung wurde als Teil professioneller künstlerischer Praxis vermittelt. Damit wurde ein zentraler Anspruch der IG sichtbar: Künstlerische Freiheit braucht auch soziale, rechtliche und ökonomische Handlungsmöglichkeiten.
Kooperationen
Seit über 20 Jahren verbindet die IG Bildende Kunst eine Kooperation mit AIR – ARTIST IN RESIDENCE Niederösterreich. Die jährlich kuratierte Ausstellung bringt zwei Künstler:innen in einen Dialog und verbindet aufstrebende mit etablierten künstlerischen Positionen. Die kontinuierliche Zusammenarbeit mit einer in Niederösterreich ansässigen Organisation zählt zu den beständigsten Ausstellungspartnerschaften der IG.
Alltägliches
Neben den politischen Kämpfen um Finanzierung, Arbeitsbedingungen und institutionelle Kontinuität lebt eine Interessenvertretung vor allem von den Menschen, die sie tragen. Vorstände, Mitarbeiter:innen und Aktivist:innen prägen die Geschichte der IG ebenso wie ihre Programme und politischen Positionen.
Der vierte Teil der IG Timeline richtet deshalb den Blick auch auf diese Menschen. Interviews mit ehemaligen und aktuellen Vorstands- und Teammitgliedern – beginnend mit Daniela Koweindl und Sebastian Weissenbacher – erzählen von persönlichen Erfahrungen, politischen Auseinandersetzungen und der alltäglichen Arbeit hinter der Interessenvertretung.
Anlässlich des 70-jährigen Bestehens entwickelt sich die IG Bildende Kunst Timeline als ein »wachsender Space im Fast-Forward«: eine raumgreifende, prozesshafte Installation, die Geschichte nicht abbildet, sondern als Material behandelt. Entlang von sieben Jahrzehnten entfaltet sich ein sich stetig veränderndes Gefüge aus Dokumenten, Protokollen, Briefen, Zitaten, Ausstellungsfotografien, Beschwerden und weiteren Archivalien.
Diese visuelle und interaktive Darstellung ist mehr als eine chronologische Ausstellung. Im Fokus stehen nicht nur die Meilensteine der IG und ihre Arbeit für Künstler:innen, sondern auch jene Fragen, die der Verein als Organisation und als politisch-kreative Gemeinschaft immer wieder neu aufwirft – und wie diesen im Sinne gesellschaftlicher Gestaltung begegnet werden kann.
Im Zentrum stehen weniger abgeschlossene Meilensteine als vielmehr fortlaufende Aushandlungsprozesse: Fragen nach Interessenvertretung, Solidarität, Machtverhältnissen, Sichtbarkeit und gesellschaftlicher Verantwortung.
Seit 29. Jänner 2026 an wächst die Installation kontinuierlich. Sie bleibt bewusst unabgeschlossen und erweitert sich bis zum 19. Oktober, dem Gründungstag der IG Bildende Kunst.