Gerwald Rockenschaub
Zeitgenössische Kunst Ausstellung
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Gerwald Rockenschaub stellt im internationalen Kunstgeschehen eine viel beachtete Persönlichkeit dar. Sein vielseitiges Werk steht durchaus ausgiebig im theoretischen Diskurs. Und doch ist die Begegnung mit seinen Arbeiten sehr unmittelbar, sie sprechen das Publikum in ihrer sinnlichen Qualität unvermittelt an und bedürfen keiner unbedingten Erklärung oder Handlungsanleitung.
Gerwald Rockenschaubs geometrisch konstruierten Ölbilder der frühen 1980-er Jahren verbinden sein Werk mit dem Begriff des Neo-Geo. Doch tauscht Rockenschaub 1987 Pinsel und Leinwand gegen industriell erzeugte Produkte wie Acrylglas, Kunststoffplatten und -folien. In seinen Folienbildern, Objekten, Animationen und kühnen raumspezifischen Installationen bezieht er sich gleichermaßen auf Ideen der Moderne wie auf Phänomene der Alltagskultur. Diese werden in einem Akt der radikalen Reduktion und Konzentration auf ihre wesentlichen Elemente heruntergerechnet, mit welchen er klare Strukturen setzt, doppelbödig zwischen Abstraktion und hintergründiger ironischer Andeutung.
Seit seinen ersten Ausstellungen gibt Rockenschaub der jeweilig vorhandenen Architektur eine essentielle Rolle und entwickelt ein ortsspezifisches Konzept, das die architektonischen Grenzen des Raums anerkennt, seine Ausmaße aber zugleich kategorisch als den Bildträger per se auffasst. Wände und Räume werden mit farbigen Formen und Flächen dramaturgisch rhythmisiert, gleichsam musikalisch durchkomponiert, sodass das Malerische die architektonischen Dimensionen zur Gänze vereinnahmt. Entscheidende Impulse gingen und gehen von Rockenschaubs Tätigkeit in der Musik- und Soundszene in sein bildendes Werk ein. Seit Anfang der 1980er-Jahre ist er in der Musikszene aktiv und gibt bis heute Konzerte.
1993 stellte Rockenschaub im österreichischen Pavillon auf der Venedig Biennale aus, 2007 auf der documenta 12. Es waren monumentale Rauminstallationen, die als skulpturale, choreographierte Interventionen die vertraute hierarchische Systematik zwischen Architektur, Bildwerk und Betrachter verschieben, den Betrachter unmittelbar verunsichern und diese Verunsicherung mit kühl humorvollem Unterton wieder aufheben.
Seit den frühen 1990er Jahren entwickelt Rockenschaub seine Werke und ganze Ausstellungen ausschließlich am Computer. Die Reduktion und Coolness des New Wave und des Techno, die Methode des Sampling spiegeln sich in Rockenschaubs mechanisierten Produktionsweisen, in seinen Konzeptionen und Kompositionen von Bildern, Installationen und Ausstellungskonzepten. Der Computer ist sein Atelier.
Immer wieder überrascht Gerwald Rockenschaub mit seinen Ausstellungen auch jene Besucher:innen, die sein Werk aufmerksam verfolgen, untergräbt mit Vorliebe gewohnte Sehweisen und versetzt den Ausstellungsraum in eine vibrierende Atmosphäre, die an Klanglandschaften erinnert. Mitnichten soll es sich das Publikum in der aktuellen Ausstellung in der Galerie Krobath gemütlich machen, schon der Titel „so tell me“ ist eine explizite Aufforderung, zu seinem Werk effektiv Stellung zu beziehen.
Er präsentiert ältere Objekte aus den frühen 1980er Jahren und setzt diese in Bezug zu seinen jüngsten Arbeiten: plastische Wandobjekte und vor allem mehrere Bildwerke, Aluwabenplatten unterschiedlicher Größe, deren Schnittkanten das rohe Innenleben erkennen lassen. Die Bildflächen sind durch aufgebrachte Farbfolien in klar definierten Feldern und fein kalibrierten Farbtönen gestaltet. Manchmal überlappen sich die einzelnen Folien, erzeugen übereinandergeschichtet eine gewisse Haptik und heben den Objektcharakter des Bildes. Rockenschaub spielt mit der Materialität seiner Werkstoffe und deren gestalterischen Möglichkeiten, er huldigt den zartesten Variationen der Farbschattierungen, nutzt die minimalsten Differenzen der Höhen in den Schichtungen und kostet die feinen Unterschiede zwischen den seidig schimmernden oder glänzenden Oberflächen der Folien und der zuunterst liegenden matten Grundfläche aus. Er schöpft daraus sinnliche und malerische Qualitäten, die mit distanzierter Glätte in Erscheinung treten, in elegantem Minimalismus, doch poppig und „funky“ zugleich.
In präzisen Konfigurationen schieben sich reduzierte und fragmentierte Formen in die Bildflächen. Die einzelnen Kompositionen stellen eine sinnhafte Deutung in eine subtil aufreizend nebulöse Aussicht – um eine solche dann doch entschieden zu verneinen und wieder in abstrakte Existenzen aufzulösen. So suggerieren sie eine räumliche Differenziertheit und Bewegtheit, deren Ursächlichkeit man vergeblich sucht. Allein das kleinste der neuen Bildwerke mit seinem in roten Lettern auf weißem Grund gehaltenen „no“ postuliert in der spielerischen Vagheit der übrigen Arbeiten einen konkreten Inhalt. Mit dem sich verweigernden „no“ ist eine abrupte Pointe gesetzt, widersprüchlich in seiner präsenten Existenz und eindeutig in seiner Ambivalenz.
Mit der sorgfältig definierten Platzierung der einzelnen Werke gibt Rockenschaub jedem Objekt eine bestimmte Funktion im Kontext der Schau und erzeugt in der Konstellation eine anregende Dynamik im Raum. Auch im großen zusammenhängenden Konzept treibt er ein mehrdeutiges Spiel, verleiht ihm eine spezifische Rhythmik und dramaturgische Wendung oder stimuliert vertraute Prinzipien um sie sogleich lustvoll zu unterminieren, scheinbar unbekümmert und heiter, doch hintergründig mit Ironie und subtilem Humor. Ein erhellender Aufschluss wird in der vielschichtigen Inszenierung nicht gegeben, vielmehr führt alles zurück zum fordernden Titel der Schau, doppelbödig schillernd und aufmunternd neckisch zugleich: „so tell me“.
Text: Margareta Sandhofer