Gefühlte Fakten – Dialoge zwischen Wissenschaft und Literatur #5
Theorie Literatur Diskussion
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Geteilte Verantwortung? Über institutionelle Rollen im Umgang mit Exil und Vertreibung
In Zeiten, in denen „alternative” Fakten anstelle tatsächlicher Fakten den öffentlichen Diskurs zu bestimmen drohen, ist eine Auseinandersetzung mit Fragen der Narration umso wichtiger: Wie wird / ist Wissen verfasst, das als sogenannte „objektive” Basis dient? Was bedeutet Recherche innerhalb der eigenen künstlerischen Praxis? Lässt sich das Verhältnis von Faktum und Dramaturgie in einer produktiven Weise kollektiv entwickeln?
Die Gesprächsreihe GEFÜHLTE FAKTEN nähert sich emotionalisierten Debatten als Dialog zwischen Wissenschaft und Literatur und sucht nach Möglichkeitsräumen, die durch das Teilen der jeweiligen Perspektive und das Entwickeln einer kollektiven Sichtweise entstehen können.
Welche Strukturen prägen heute die Erfahrung von Exil und Flucht? Welche institutionellen Mechanismen lassen sich bestimmen und beeinflussen?
Zusammen mit Stefanie Kitzberger, Kunsthistorikerin an der Universität für angewandte Kunst Wien, diskutieren der Autor Amir Gudarzi, der Künstler und Aktivist Yama Rahimi und die Künstlerin Maryam Shahidifar die Verbindung zwischen individueller Erfahrung und institutioneller Verantwortung. Das Gespräch verbindet historische Perspektiven und thematisiert Verlust, Solidarität sowie konkrete Wege „artists at risk“ zu unterstützen.
Mit Amir Gudarzi, Yama Rahimi, Maryam Shahidifar und Stefanie Kitzberger
Moderiert von Matthias Seier sowie live grafisch dokumentiert von Laurens Seemann
Angelehnt an die Publikation Unwritten Biographies – Brüche und Kontinuitäten. Künstler:innen der Angewandten Wien 1933–1955 Bernadette Reinhold (Hrsg.)
Die Veranstaltung findet auf Deutsch statt. Der Veranstaltungsraum ist barrierefrei zugänglich.
BIOGRAFIEN
Amir Gudarzi ging auf die damals einzige Theaterschule im Iran und studierte danach szenisches Schreiben. Seit 2009 lebt er in Wien, wo er als Autor arbeitet. 2021 erhielt den Förderungspreis für Literatur der Stadt Wien, 2022 wurden ihm der Kleist-Förderpreis für junge Dramatiker*innen und der Christian-Dietrich-Grabbe-Preis verliehen. In der Spielzeit 2023/24 war er Hausautor am Nationaltheater Mannheim. Sein Roman Das Ende ist nah erschien 2023 bei DTV; dafür erhielt er 2024 den Hermann-Hesse-Förderpreis. Die Uraufführung der Bühnenfassung in der Saison 2025/26 entstand am Schauspielhaus Wien in Koproduktion mit dem TEATA; die deutsche Erstaufführung wird im Dezember 2026 in Essen zu sehen sein.
Yama Rahimi ist ein afghanischer Kurator, Künstler und Aktivist mit Sitz in Deutschland. Er studierte Filmregie an der Fakultät für Bildende Kunst der Universität Kabul. In seiner künstlerischen und kuratorischen Arbeit beschäftigt er sich mit Erinnerung, Identität, Zensur, Vertreibung und politischer Gewalt. Als Gründer und Executive Director der Freedom Canvas Initiative sowie als Case Manager bei der Artistic Freedom Initiative unterstützt er gefährdete Künstler und Kulturschaffende bei Resettlement, rechtlichen Verfahren und neuen Perspektiven. Seine Arbeit verbindet künstlerische Praxis mit institutioneller Verantwortung und Solidarität.
Maryam Shahidifar ist eine iranisch-österreichische und aktuell in Wien lebende multidisziplinäre Künstlerin, Archivarin und Sozialpädagogin. Sie studiert an der Universität für angewandte Kunst Wien und an der Wiener Psychoanalytischen Akademie. In ihrer Arbeit erkundet sie marginalisierte Körper und Migrationserfahrungen im gesellschaftspolitischen Kontext, geprägt von Kunsttheorie, Black-Queer-Theorie und Diskursen sozialer Gerechtigkeit. Zunehmend widmet sie sich der Diaspora sowie dem Zusammenspiel von Psychoanalyse und der Verkörperung biografischer Erfahrungen. Ausgehend von ihrem iranischen Hintergrund untersucht sie Wahrnehmung, Erinnerung und die Spuren dessen, was bleibt oder fehlt.
Stefanie Kitzberger ist Kunsthistorikerin, Senior Scientist und stellvertretende Leitung von Kunstsammlung und Archiv der Universität für angewandte Kunst Wien. Sie war 2015 Junior Fellow am ifk Wien/Linz, 2016–2017 Visiting Fellow an der Northwestern University, Illinois, sowie 2018–2020 Universitätsassistentin an der Abteilung für Moderne und Gegenwart des Instituts für Kunstgeschichte der Universität Wien. In ihrem Text “Strategien der Ambiguität? Eine unvollständige Biografie Eduard Josef Wimmer-Wisgrills”, erschienen 2026 in der Bernadette Reinhold herausgegebenen Publikation “Unwritten Biographies – Brüche und Kontinuitäten. Künstler*innen der Angewandten 1933–1955”, befasst sie sich mit der Position des Architekten und Modedesigners während des NS-Regimes zwischen Anpassung und strategischer Opazität.
Matthias Seier (Moderation) studierte Kultur- und Literaturwissenschaften sowie Soziologie in Dortmund und Athen und ist Dramaturg am Volkstheater Wien. Er arbeitete u. a. am Schauspielhaus Hamburg und an der Volksbühne Berlin; von ihm betreute Produktionen wurden zum Berliner Theatertreffen eingeladen.
Laurens Seemann (Graphic Recording) ist Zeichner, Druckgrafiker und Buchkünstler. Seit 2021 studiert er in der Klasse für Zeichnung und Druckgrafik an der Universität für angewandte Kunst Wien, verbrachte Gastsemester in der Buchkunst-Klasse an der Burg Giebichenstein, Halle (Saale), sowie am Institut für Sprachkunst, Universität für angewandte Kunst Wien. Seine Arbeiten beziehen sich auf die umgebende Welt. Motive werden isoliert, um ihnen den Raum zu geben, all ihre Assoziationen und Kontexte zu entfalten. Sie behandeln den Dialog zwischen dem “Selbst” und dem “Anderen” , die Frage, wie man sich innerhalb einer Welt verortet. Seine Arbeiten wurden in Ausstellungen wie “Artists as Indipendent Publishers” im mumok, Wien, und Weserburg, Bremen, oder “Beauty and the Beast” in der Galerie Hilger Ballgasse, Wien, gezeigt, wie auch auf verschiedenen (Kunst-)Buchmessen.