Der Fall Krvavica
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Buchpräsentation und Diskussion
im Museum Nordwestbahnhof, Nordwestbahnstrasse 16, 1200 Wien
mit Nataša Bodrožić (Loose Associations), Ella Senzenberger und Michael Zinganel
Das vormalige Kinder-Sanatorium in der Bucht von Krvavica in der Makarska Riviera gilt weit über den touristischen Kontext hinaus als eines der architektonisch herausragendsten Projekte der Spätmoderne, die in den 1960er Jahren an der kroatischen Adriaküste errichtet wurden.
Vom Architekten Rikard Marasović ursprünglich für die Heilung und Regeneration von Kindern von Armeeangehörigen der jugoslawischen Volksarmee geplant, wurde das 1965 eröffnete Resort später für Tourist*innen geöffnet. Nach einer Zwischennutzung als Flüchtlingsunterkunft während der Kriegshandlungen der 1990er Jahre steht es seitdem leer – und scheint trotz des temporären Schutzstatus dem Verfall und/oder der Immobilien-Spekulation preisgegeben, weil kurzsichtige ökonomische Interessen schwerer zu wiegen scheinen als der Erhalt und die Adaption eines Kultur- und Baudenkmals.
Aus Anlass einer neuen 500 Seiten starken Publikation „(Dis-)Trust the Story Teller. The Case of Krvavica Children Health Resort“, herausgegeben von Nataša Bodrožić und Antonia Vodanović, und der Masterarbeit von Ella Senzenberger zu seiner Neunutzung diskutieren wir über die Potentiale und den problematischen Umgang mit dem Kulturerbe der Spätmoderne – und dem hochentwickelten Gemeinwesen, für das dieses Gebäude einst stand.
Das Buch der kroatischen Kuratorinnen erzählt vielstimmig über den historischen Kontext, die wechselhafte Geschichte des Ortes und das Lebens im Gebäude, das ursprünglich für die Behandlung von Kindern mit Atemwegserkrankungen vorgesehen war. Es reflektiert auch die Versuche der Aktivistinnen, Bürgerinitiativen zum Schutz und zur Revitalisierung des Gebäudes einzubeziehen sowie den Bewohnerinnen des angrenzenden Wohnblocks, deren Schicksal mit dem des ehemaligen Santorium verbunden ist, eine Stimme zu geben.
Das Buch versteht sich zudem auch als eine kritische Reflexion des Verlustes des kollektiven und individuellen sozialen Gedächtnisses in der Region, die mit den radikalen gesellschaftlichen Veränderungen seit dem Ende des Sozialismus einhergingen.
In der Masterarbeit, betreut von Ines Nizic am Institut für Hochbau an der TU Wien, entwickelte Ella Senzenberger einen bis in die Details ausgearbeiteten Entwurf für einen minimal-invasiven Umbau des Bauwerks in ein Kulturzentrum mit Künstler*innenresidenzen, der auch in großmassstäblichen Modellen dargestellt wird.
Moderation:
Michael Zinganel, Tracing Spaces, Autor und Kurator der Ausstellungsreihe und Publikation „Holidays after the Fall“, über die Geschichte und Transformation spätmoderner Ferienarchitekturen vor und nach dem Ende der Selbstverwaltung, erschienen 2013 bei jovis.