Das Glaubenstribunal
Darstellende Kunst Theorie Zivilgesellschaft Diskussion Performance
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Nach den Wiener Prozessen und den Wiener Kongressen bei den letzten Festivalausgaben folgt nun Das Glaubenstribunal. Auch diesmal stellt das theatrale Dokumentationsformat wieder ein gesellschaftspolitisches Thema zur Debatte: Die Rolle von Religionen, Göttern, Göttinnen und Kultobjekten im globalen Kapitalismus. Zahllose religiöse Symbole finden sich in der Popkultur wieder, rechtsnationale Politkampagnen („Euer Wille geschehe“), amerikanische Tech-Giganten und Diktatoren in Osteuropa wandeln Glaubenssätze für den eigenen Profit um. Was die Menschen mit sich selbst versöhnen, dem Leben Würde geben sollte, wird gemäß Marx in die „eiskalten Wasser“ des Kapitals (und der Macht) getaucht, kapitalisiert, gestohlen, appropriiert, für kriegerische Propaganda und Wertschöpfung missbraucht.
Eine Jury aus Kulturwissenschaftler:innen, religiösen Würdenträger:innen und gläubigen Menschen befragt in drei Fällen selbsternannte Gotteskrieger:innen und Kunstgött:innen, Museumskurator:innen und Politiker:innen nach deren (profanisierenden) Praktiken. Dabei steht, wie bei den vorherigen Formaten, der Akt der öffentlichen freien Rede und des kollektiven Zuhörens im Zentrum – Theater, das realer nicht sein könnte!
Die Republic of Gods macht sich – durchaus selbstkritisch – zur Anwältin der globalen Glaubensgemeinschaften: Was haben christliche Symbole wie Kreuze und Weihrauch, indigene Praktiken wie Schamanismus und spirituelle Praktiken wie Dreadlocks in der Popkultur und auf dem Kunstmarkt zu suchen? Wo endet zulässige Aneignung, wo beginnt die übergriffige, neokoloniale Appropriation durch eine letztlich kapitalistische Kunst und Kommerzreligion? Warum sind einst religiöse Gegenstände wie ägyptische Mumien, Benin-Bronzen oder aztekische Federkronen in europäischen Museen zu finden? Was geschieht mit unseren Göttern und Göttinnen, wenn sich Putin, Trump und radikalislamistische Regime zur Legitimierung der eigenen Machtausübung Worte der Bibel und des Korans aneignen?
Im Rahmen von drei Fällen – einem Fall der künstlerischen, einem der institutionellen und einem der politischen Appropriation, um nicht zu sagen: des Missbrauchs religiöser Praktiken, Symbole und Denksysteme – gerät nicht zuletzt die Republic of Gods selbst in den Fokus der Kritik.
Dauer: 29. Mai: ca. 2 Std. / 30. Mai: ca. 8 Std. / 31. Mai: ca. 7 Std.
Eine Produktion der Wiener Festwochen | Freie Republik Wien