curated by Odessa Warren
Zeitgenössische Kunst Ausstellung
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Gianni Manhattan präsentiert Silent Choir, Valentin Noujaïms erste Einzelaustellung in der Galerie.
Mit Skulptur und Installation stellt der Künstler den ersten Teil einer neuen Werkgruppe vor, die von der Geschichte des Heiligen Johannes und der Höhle der Apokalypse ausgeht.
Im ersten Jahrhundert wurde der Apostel Johannes von Kaiser Domitian auf die Insel Patmos verbannt, weil er das Christentum predigte. Dort zog er sich in die Stille und Dunkelheit einer Höhle über dem Meer zurück, wo ihm eine Vision vom Ende der Welt zuteilwurde. Sieben Engel erschienen ihm, ein jeder blies in eine Trompete und kündigte die bevorstehende Katastrophe an. Der Bericht dieser prophetischen Erfahrung wurde als Offenbarung des Johannes Teil der Bibel.
Der Galerieraum ist verdunkelt, beleuchtet ist allein sein Eingang. Die stille, feierliche Atmosphäre lässt an die Höhle des Heiligen Johannes und seine Abgeschiedenheit darin denken. Sieben Trompeten füllen den Raum und rufen die sieben Engel der Apokalypse auf. Jede ist mit einem Dämpfer versehen und bildet so Noujaïms stillen Chor. Weißes Rauschen liegt im Raum, wie der tote Ton einer mitten in der Übertragung abgebrochenen Sendung, und unterstreicht die Stummheit der Trompeten. Ihre Oberflächen sind mit unterschiedlichen Motiven graviert, darunter Zeichnungen, die der Bruder des Künstlers als Kind während des Krieges im Libanon anfertigte. Ein Fernsehgerät erinnert an die Wohnzimmergeräte der frühen 2000er Jahre und verweist auf die eigene Verknüpfung des Künstlers von Licht und Klang, geprägt durch frühe Erinnerungen an die Ankündigung von Katastrophen.
Für Noujaïm bedeutete der Rückzug des Heiligen Johannes aus der Welt einen Weg, sich deren Übel begreiflich zu machen. In der Dunkelheit, in seiner Einsamkeit, offenbarte sich ihm alles. Der Künstler stellt diese Geschichte einer Gegenwart gegenüber, die von permanentem Lärm und Hypersichtbarkeit bestimmt ist, im dritten Jahr eines live übertragenen Genozids, der ungestraft bleibt. Im Griechischen trägt ἀποκάλυψις (apokálypsis) eine doppelte Bedeutung: Apokalypse und Offenbarung. In einer Welt, in der Ton und Bild versagt haben, fragt der Künstler, was sich uns in der dunklen Stille offenbaren kann.
Die Ausstellung führt Noujaïms Interesse an Mythos und Erzählung als Mittel fort, die Gegenwart zu denken, und wendet sich hier der christlich-apokalyptischen Vorstellungswelt zu. Den Heiligen Johannes begreift er nicht als religiöse Ikone, sondern als eine Figur, die sich in einer Zeit der Verfolgung und Niederlage aus der Welt zurückzog und der eine Vision von deren Zerstörung und Erneuerung zuteilwurde. Die Arbeit setzt zugleich die Auseinandersetzung des Künstlers mit dem Bösen fort, als einem Begriff, nach dem gegriffen wird, um Zerstörung und Gewalt zu erklären, die andernfalls unerklärlich bleiben. In der Offenbarung des Johannes kündigt jede Trompete, nacheinander geblasen, einen anderen Teil der Apokalypse an. Die Stummheit der sieben Trompeten in Noujaïms Silent Choir bleibt unbestimmt: ob sie bereits erklungen sind, oder ob ihr Schweigen eine weitere Katastrophe in Schach hält.