Crawling Home again
Zeitgenössische Kunst Ausstellung
Verbindung zu esel.at
Mit Beiträgen von Emilia Auersperg · Julia Belova · Teresa Berger · Carli Fridolin Biller · Rage · Mafalda Figueiredo · Daniel Gianfranceschi · Tamir Hadar · Leonie Holtkamp · Selma Laura Köran · Lilith May Peters · Johanna Strachwitz · Francisco Valença Vaz
Nach Hause zu kriechen, statt ganz einfach nach Hause zu kommen, impliziert einen mituntererschöpfenden Kraftakt. „To crawl home“ bezeichnet ein frühkindliches, fast tierisches vor allem aber bodennahes Schlürfen. Statt einer triumphalen Heimkehr in souveränem Schritt begegnet uns im Titel des bereits zum zweiten Mal stattfindenden Ausstellungsprojekts eine verunsicherte, tastende und körperliche Perspektive auf Begriffe von Heimat, Umfeld, Ankunft und Aufbruch.
Statt als Zustand und festgesetzte Topographie verstanden zu werden, begegnet uns der Begriff des Zuhause hier in Form suchender sowie fragender Annäherung – auch an den Weg, den man geht, um Heimat zu finden oder zu ihr zurückzukehren. Zum zweiten Mal versammelt das von Emilia Auersperg, Sophie M. Hollerweger und Madelaine Williams initiierte Format Künstler:innen unter dieser offenen Prämisse. Was in diesen Räumen zusammenfindet, sind temporäre und persönliche Fragmente wie auch flüchtige Poetiken. Aus unterschiedlichsten Perspektiven nähern sich die versammelten Positionen Heimatbegriffen, Orten des Übergangs und Zuständen der Schwebe. Gerade Salzburg muss als Stadt verstanden werden, die mit: …Festspielen, Mozartkugeln, Weltkulturerbe, Sound of Music, traditionsreichem Städtebau, herrlicher – und verherrlichter – Natur, Landschaftsidealen, römischen Mosaiken in Innenhöfen sowie einer sich barockgebender Kulisse kulturelle Identität und Heritage als Selbstverständnis setzt. Heimat kann in Salzburg Postkartenmotiv und heile Welt bedeuten – in Untersberger Marmor gehauen, touristisch poliert und institutionell konserviert. Wie jede Form von Identität aber, ist auch jede Idee davon, was Salzburg ist und sein kann, letztlich nie abgeschlossen, abgegrenzt oder in Gänze ausgehandelt. Mit Crawling Home setzen die Initiatorinnen dieser Statik eine Vorstellung des Fragilen entgegen, des kontinuierlich Verhandelbaren und Widersprüchlichen.
Crawling Home bezeichnet letztlich keinen Ort, sondern einen Modus operandi, der Orte als wechselhafte Begebenheiten versteht. Aspekte des Wandels und andauernder Auslotung prägen hierbei Zustände, die so luftig sind, dass sie sich binnen eines Wimpernschlags schon lange verändert haben und eigentlich gar nie Zustände waren. Der Soziologe Michel de Certeau unterschied Orte als Anordnungen fixierter Punkte von Räumen. Denn letztere konstituieren sich durch Aktivitäten und Bewegungen. Gerade Räume zeichnen sich in ihrer gegensätzlichen Funktion zu Orten durch Instabilität, Uneindeutigkeit und die Möglichkeit des Transformativen aus. In Abgrenzung zum einfachen Ort zeugt der Raum also stets von Lebendigem und teilt es. In diesem Sinne präsentiert Crawling Home keinen statischen Heimatbegriff, sondern transformative Konstellationen – abhängig von vielstimmigen Akteur:innen und nichtkonformen Beziehungsweisen.
Statt einer Heimat begegnen uns eine Vielzahl an Räumen des Heimatlichen.
Text von: Niklas Koschel