Christian Egger
Zeitgenössische Kunst Ausstellung
Verbindung zu esel.at
“Fruits (Haug), Flowers (Helms), and Clouds (Holz) ft. Sue Tompkins”
Die Ausstellung “Fruits (Haug), Flowers (Helms), and Clouds (Holz) ft. Sue Tompkins” setzt Christian Eggers fortlaufende Reihe vorrangig über Sprache erarbeiteter Ausstellungs-entwürfe fort. Der in Wien lebende Künstler und Autor versucht dieses Mal – unerwarteterweise! – Schlüsselwerke der marxistischen Theorie, genau genommen drei zu Beginn der 1970er Jahre erschienene Publikationen der Autoren Hans Heinz Holz, Hans G. Helms und Wolfgang Fritz Haug, mit einer 2011 von dem Kunstmagazin SPIKE initiierten Kunstmesse namens Fruits, Flowers, and Clouds in Zusammenhang zu bringen. Diese künstlerische Betrachtung erfolgt just in einem Jahr, in dem keine der „großen“ Kunstmessen in Wien stattfindet.
Eggers in der Ausstellung formulierte Idee, mit dem wissenschaftlichen Kenntnisstand zum „Ästhetischen“ von ca. 1971 an ein einmaliges Kunstmesseformat der 2010er Jahre zu erinnern, birgt die Gefahr eines Widerspruchs, eines „falschen Gegensatzes“* hinter dem Gezeigten. Und dennoch ergeben die in der Ausstellung versammelten Arbeiten zusammen mit dem Ausstellungstitel ein thematisch eng verwobenes Beziehungsnetz. Bestehend aus Betonsockel, Obstkiste und einer Reihe von am Sekundärmarkt erworbener Limited-Edition-Cola Flaschen aus den 1980er Jahren betont im Zentrum der Präsentation eine Serie von Skulpturen u.a. ihr eigenes Ausgestellt-Sein. Durch das Ausstellen der Retro-Flaschen und ihres mittlerweile verblichenen Sondereditionscharakters werden sie durch dieses allegorische Verfahren des Kontexts ein zweites Mal entwertet, ehe sie in Form eines Kunstwerks wieder zu sich kommen:
„Sinnlichkeit und Sinn bestimmter Sachen, abgezogen von diesen Sachen.“ **
An ihnen ist außerdem zu beobachten, dass sie aus heutiger Sicht wie gephotoshopped aussehen und wirken, obwohl es zum Zeitpunkt ihrer Produktion noch keine der ab den 1990er Jahren gebräuchlichen Versionen zur Bildbearbeitung gab.
Über einen kleinen Bluetooth-Lautsprecher wird ein von der britischen Künstlerin Sue Tompkins (Life Without Buildings) eingesprochener Text abgespielt. Dieser verhandelt, in Anlehnung an lineare Scroll-Bewegungen, einen Ausschnitt des Ausstellungsinhalts. Auch die mannigfaltige Sprecher:innen-Position wird verdeutlicht und hörbar gemacht. Von Tompkins eingesprochene Sätze wie „without me, as interpreter, improver, and continuator, describing, portraying, arguing for, or rhapsodically singing about Fruits (Haug), Flowers (Helms), AND Clouds (Holz), there would be nothing to hear here, and simply nothing at all“ zielen in ihrer selbstreferentiellen Doppeldeutigkeit auf vom Ausstellungspublikum zu imaginierende Darstellungslücken. Sie werden als kommunikativer und Bedeutung generierender Akt zum offenkundig mitprägenden Teil der Ausstellung; ebenso wie die zur freien Entnahme in Kooperation mit dem Verlag 2b press entstandenen, Messe-CI dechiffrierenden Ausstellungsposter, die wie frisch aus der Reinigung gekommenen, mit Youtube-Links zu Vorträgen von Hans Heinz Holz, Hans G. Helms und Wolfgang Fritz Haug versehenen Intellektuellen-Klamotten und ein in “Fruits (Haug), Flowers (Helms), and Clouds (Holz) ft. Sue Tompkins” aufliegender Text von Diedrich Diederichsen gemeinsam diese ausstellungsbezogene Reflexion des je situativen Zusammenarbeitens von Arbeiten, Ausstellung und eben Publikum ergeben. Dies hält im Kunstraum am Schauplatz die Voraussetzungen des Ausstellens so transparent und beweglich, wie man das Wesen der Kunst ebenso über die Bestimmungspole Marxismus und Kunstmarkt ergründen und definieren kann, vermutlich als zeitlos aktuelles, verschlungenes, sich kritisierendes und restituierendes Miteinander.
*Falsche Gegensätze. Zeitgenössische Positionen zur philosophischen Ästhetik. Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 2002.
** Wolfgang Fritz Haug „Die Rolle des Ästhetischen bei der Scheinlösung von Grundwidersprüchen der kapitalistischen Gesellschaft“ Das Argument 64, Jg. 13 (1/2) Berlin 1971, 79-101.
Christian Egger lebt als bildender Künstler, Musiker und freier Autor in Wien. Er ist Mitherausgeber des Künstler*innen-Fanzines www.ztscrpt.net . Solopräsentationen seiner Arbeiten waren zuletzt in Wien bei 20 20 und Charim Schleifmühlgasse bzw. bei The Horse (Dublin) oder im Kunstraum Schwaz zu sehen. Neben zahlreichen Ausstellungspublikationen werden seine Texte regelmäßig in internationalen Kunstmagazinen wie ArtReview, Texte zur Kunst, SPIKE, Springerin, Camera Austria u.v.m. veröffentlicht. Sein Buch Shows, Signals, Unvernehmen vereint Texte der Jahre 2005 bis 2020 und erschien bei Floating Opera Press (Berlin).