Chantal Akerman
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Radikal, hypnotisch, feministisch – das sind nur drei Begriffe, die den Arbeiten Chantal Akermans zugeschrieben werden. So zutreffend sie sein mögen – die Gefahr ist groß, dadurch ihren unverwechselbaren Blick einzuschränken, mit dem die belgische Ausnahmekünstlerin wie niemand vor ihr Frauen, ihre Körper, ihre Arbeit und ihre Beziehungen ins Zentrum ihres filmischen Werks rückt. Damit hat sie das Kino nicht nur von gewohnten Mustern befreit, sondern neu definiert.
1950 als Tochter polnisch-jüdischer Holocaust-Überlebender geboren, wächst sie im Schatten einer lange verschwiegenen Vergangenheit auf, die ihr Leben und ihre Arbeit prägen wird. Mit 15 Jahren sieht sie erstmals Jean-Luc Godards PIERROT LE FOU – ein Erweckungserlebnis, das den Entschluss reifen lässt, selbst Filmemacherin zu werden. An der Brüsseler Filmhochschule bleibt sie nicht lange, macht aber mit ihrem ersten Kurzfilm SAUTE MA VILLE auf sich aufmerksam. In dieser verspielten Miniatur ist bereits das Wesentliche ihres späteren Schaffens angelegt: das Spiel mit Zeit und Wiederholung, die Spannung zwischen Intimität und Distanz und die Konzentration aufs vermeintlich Banale. Mit 20 zieht sie nach New York, wo sie die strukturellen Filme von Michael Snow und Jonas Mekas beeindrucken. Deren experimentelle Formen verbindet sie mit ihrer eigenen Sensibilität für menschliche Beziehungen und Alltagserfahrungen.
Entscheidend ist Akermans Verhältnis zur Zeit. Wo das klassische Kino diese verdichtet und beschleunigt, dehnt Akerman sie aus. Sie vermisst Räume nicht in Metern, sondern in Dauer – am eindrücklichsten in JEANNE DIELMAN, dessen minutiöse Beobachtung die sonst unsichtbare Hausarbeit einer Frau sichtbar macht. Ein Film, der Geduld verlangt und dafür mit Intensität belohnt. Das Gefühl des Entwurzeltseins nimmt einen ebenso wichtigen Stellenwert bei ihr ein wie die Verschränkung von Geschichte und politischer Wirklichkeit – etwa im großartigen D’EST, wo Gesichter und Landschaften des postkommunistischen Osteuropas, der Gegend ihrer Vorfahren, zu Erinnerungsräumen eines Kontinents werden. Dazwischen liegt das knallige Pop-Musical GOLDEN EIGHTIES – nur an der Oberfläche ein Bruch mit dem Bisherigen, denn auch hier geht es um Begehren und Einsamkeit.
Lange bevor Begriffe wie Feminismus oder Identitätspolitik das Kino nachhaltig veränderten, hat Akerman eine Form gefunden, davon zu erzählen, ohne sich auf Thesen zu reduzieren. Dass ihr Werk sich Moden entzieht, lässt es gegenwärtig bleiben. Es erinnert daran, dass Kino nicht nur Geschichten erzählen, sondern unsere Wahrnehmung verändern kann – indem es uns zwingt, genauer hinzusehen.