Annäherung an ein Farbnegativ

Fotografie Ausstellung
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3 Termine
Freitag 29. Mai
29. Mai
Fr
18:00
Eröffnung bis 21:00
Annäherung an ein Farbnegativ
Samstag 30. Mai - Donnerstag 11. Juni
Sa 30. Mai -
Do , 11. Juni
Ausstellung
Annäherung an ein Farbnegativ
Donnerstag 11. Juni
11. Juni
Do
18:00
Finissage
Annäherung an ein Farbnegativ

Caroline Heider_Ruth Horak_Lisa Rastl_Claudia Rohrauer

Vernissage Fr. 29.05.2026, 18-21h
Independent Space Index-Festival
Öffnungszeiten: 29.-31.05.2026, 14-18h
Öffnungszeiten ab 01.06.2026: Mi, Do, Fr: 17-20h
Finissage Do. 11.06.2026, Artist Talk 18h

Das Ausstellungsprojekt Annäherung an ein Farbnegativ von Caroline Heider, Ruth Horak, Lisa Rastl und Claudia Rohrauer erweitert die Auseinandersetzung mit fotografischer Materialität zu einer Reflexion über feministische Selbstbilder, gesellschaftliche Rückschritte und hyperreale Identitätsentwürfe. Ausgangspunkt ist das Farbnegativ als ein Bildzustand, der sich der unmittelbaren Lesbarkeit entzieht. Seine invertierten Farben, die charakteristische orange Maskierung und die Verfremdung des Vorbilds machen sichtbar, dass Fotografie niemals bloße Abbildung, sondern immer auch Übersetzung, Codierung und Konstruktion ist. Genau in dieser Sichtbarmachung eröffnet sich eine Verbindung zu den zentralen Fragestellungen des Jahresprogramms „Ich mach mein Ding! – Feminismus, Backlash, Hyperrealität“.

Im Zentrum der Ausstellung steht die Frage, welche unsichtbaren Systeme Bilder, Körper und Identitäten hervorbringen. Das Negativ fungiert dabei als Metapher für gesellschaftliche Strukturen, die Wahrnehmung vorformen, ohne selbst sichtbar zu werden. Wie das Negativ durch chemische und technische Prozesse zur Fotographie entwickelt wird, entstehen auch soziale Rollenbilder durch kulturelle Einschreibungen, Wiederholungen und performative Akte. Die Künstlerinnen arbeiten buchstäblich „im Negativ“: Sie inszenieren sich innerhalb eines Systems aus Umkehrungen, Komplementärfarben und fotografischen Bedingungen und machen dadurch jene Mechanismen sichtbar, die Identität erst hervorbringen. Nicht das authentische Selbst steht im Vordergrund, sondern die Konstruktion von Sichtbarkeit.

Diese Perspektive verbindet sich unmittelbar mit aktuellen Debatten um Popfeminismus, digitale Selbstinszenierung und gesellschaftlichen Backlash. In sozialen Medien erscheinen Identitäten oft als Ausdruck individueller Freiheit und Selbstermächtigung, gleichzeitig folgen sie jedoch hochgradig normierten Bildlogiken. Plattformen produzieren Sichtbarkeit nach algorithmischen Kriterien, ästhetische Codes wiederholen sich, Rollenbilder kehren in neuen Formen zurück. Das propagierte „Ich mach mein Ding“ bewegt sich dadurch in einem Spannungsfeld zwischen Selbstbestimmung und Anpassung an hegemoniale Blickregime. Wie beim Farbfoto bleibt auch hier die Struktur des Negativs, die das Bild erst erzeugt, meist verborgen.

Die Ausstellung versteht das fotografische Negativ nicht nur als technisches Relikt analoger Bildproduktion, sondern als Denkmodell für Gegenwartsgesellschaften, in denen Realität und Inszenierung zunehmend ununterscheidbar werden. In Anlehnung an Jean Baudrillards Begriff der Hyperrealität erscheinen Bilder nicht mehr als Abbilder einer Wirklichkeit, sondern als autonome Zeichenwelten, die ihre eigene Realität erzeugen. Weiblichkeit, Erfolg, Authentizität oder Empowerment zirkulieren als visuelle Narrative und werden durch ihre permanente Wiederholung stabilisiert. Die politische Relevanz der künstlerischen Arbeiten liegt darin, dass den Fokus weg von der Oberfläche des Bildes hin zu den Bedingungen seiner Herstellung verschiebt.

Das Material des Analogen erhält in diesem Zusammenhang eine besondere Bedeutung. Das Farbnegativ verweist auf Spur, Abdruck und chemische Einschreibung – auf einen materiellen Prozess hinter dem Bild. Im Kontrast zur digitalen Bilderflut macht es sichtbar, dass jedes Bild einen technischen, ideologischen und gesellschaftlichen Unterbau besitzt. Die Ausstellung eröffnet damit einen Raum, in dem die Mechanismen visueller Produktion lesbar werden und bestehende Ordnungen hinterfragt werden können. Kunst erscheint hier nicht als Illustration gesellschaftlicher Debatten, sondern als Möglichkeit, jene Negative im Sinne verborgener Strukturen freizulegen, die letztlich bestimmen, wie wir sehen, wie wir gesehen werden und welche Bilder von Identität überhaupt denkbar sind.

*Caroline Heider, Ruth Horak, Lisa Rastl & Claudia Rohrauer; Gruppenbild mit Damen und Kameras (Sinar Junior, f 210mm, 4x5”, Kodak Portra 160), 2023-2026.

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