Ambiguous Margins
Zeitgenössische Kunst Ausstellung
Verbindung zu esel.at
Kooperation mit AIR – ARTIST IN RESIDENCE Niederösterreich
Künstler:innen: Esraa Elfeky, Anne Glassner
Kuratorische Begleitung: Vasilena Gankovska, David Komary
In Ambiguous Margins treffen mit Esraa Elfeky und Anne Glassner zwei Positionen aufeinander, die die Unmittelbarkeit des Sehens und des vermeintlich Gegebenen radikal unterlaufen. Anstelle eines klassifizierenden Blicks, der das Subjekt in seiner Souveränität vergewissert, tritt eine Ästhetik des Innehaltens und Gewahrwerdens. Ausgehend von leiblich (Elfeky) und performativ (Glassner) fundierter Wahrnehmung befragen sie die Schnittstelle von Physis und Bewusstsein, Außen und Innen. Sie dringen in Bereiche vor, die das Empirische überschreiten, ohne dessen phänomenologische Basis zu negieren: Sinnliches und Geistiges figurieren nicht als Antagonismen, sondern als relationales Kontinuum.
Esraa Elfekys Praxis entfaltet vor dem Hintergrund sufischen Denkens eine naturmystische Dimension. Ihre Bildsprache zeugt vom Ineinander mikro- und makroskopischer Entitäten, dem Ringen geologischer Sedimente, biologischer Kräfte und Wesenheiten zwischen Vulnerabilität und Erhabenheit. Das Verhältnis von Subjekt und Natur erfährt eine Inversion: Nicht das autonome Künstler:innen-Ich bemächtigt sich der Landschaft als Sujet, vielmehr setzt sich Elfeky den Elementen aus und begründet darin ihr bildnerisches Tun. Indem sie auktoriale Setzungen zurücknimmt, gibt sie der Natur Raum, sich aus sich heraus zu zeigen, statt sie anzueignen. Diese Haltung ist ein ontologischer Akt, in dem Natur als sprechendes Gegenüber erfahrbar wird. Das Subjekt wird dabei nicht dekonstruiert, sondern in seiner Verwundbarkeit auf seine radikale Interdependenz mit der Welt verwiesen.
In diesen ontologischen Fragestellungen liegt die Verbindung zur installativen und performativen Praxis von Anne Glassner. Ihre Arbeiten thematisieren Zustände des Stillen, vermeintlich Unproduktiven – jenseits permanenter Verwertbarkeit. Glassner verhandelt den Topos von Schlaf und Traum als ontologisch wirksame Formen eines präkogitiven, integrativen Denkens. Das wache Bewusstsein erfährt eine Zäsur, intentionale Wahrnehmung wird suspendiert. In ihren Deckenkleidern verdichtet Glassner dies skulptural: Die textilen Gebilde treten den Rezipient:innen als wesenhafte, körperliche Präsenzen gegenüber, als hybride Hüllen, die Intimität und Außenraum verschränken, unterlaufen sie räumliche wie soziale Isolation.
Beide Positionen nutzen ein Vokabular epistemologischer und ästhetischer Unschärfe. Diese Permeabilität ist kein perzeptives Defizit, sondern ein Möglichkeitsraum, in dem Erkenntnis und Kontemplation ineinandergreifen. Das Ungesehene erweist sich in der Stille als ontologisch wirksam, nicht durch Sichtbarkeit, sondern transformative Kraft. Indem Elfeky und Glassner das aneignende Denken suspendieren, das Körper und Geist antagonistisch setzt, eröffnen sie ein relationales, permeables Verhältnis von Subjekt und Welt.