ada is … Leo Peschta
Zeitgenössische Kunst Ausstellung
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THE THICKET
The Thicket ist eine chaotische Grenze im Ausstellungsraum. Ein abstrakter skulpturaler Körper, der eine Einheit mit dem ihn umgebenden Raum und dessen Besucherinnen und Besuchern bildet. Bewegte Flächen und ein sich ständig wandelnder Klang lassen ein maschinelles Dickicht entstehen, das den Blick lenkt, versperrt und wieder freigibt.
Text von Ruth Schnell:
The Thicket besteht aus neun Einheiten mit jeweils einem Sockel, einem Stamm und drei quadratischen, mit semitransparenter Folie bespannten Rahmen – insgesamt also 27 beweglichen Flächen. In den Sockeln befinden sich Motoren und elektronische Steuerungen. Drei ineinander liegende Wellen bewegen die Flächen unabhängig voneinander. Der Aufbau lässt sich mit einer Uhr vergleichen, bei der Stunden-, Minuten- und Sekundenzeiger auf getrennten, ineinander liegenden Achsen geführt werden. Jede Fläche kann sich vollständig um die eigene Achse drehen. Die neun Einheiten sind über ein Netzwerk mit einem zentralen Computer verbunden, der ihre Bewegungen koordiniert. Für uns erscheint ihr Zusammenspiel als eine sich fortlaufend verändernde maschinelle Choreografie: nicht willkürlich, aber auch nicht als starre, ständig wiederkehrende Abfolge. Mal scheinen sich einzelne Elemente aufeinander zu beziehen, mal voneinander abzurücken oder für einen Moment eine gemeinsame Richtung einzunehmen.
Der Klang ist ein zentraler Bestandteil der Installation. Er wird auf dem zentralen Computer in Echtzeit errechnet und reagiert auf den jeweiligen Rhythmus sowie auf die Stellung und Bewegung der 27 Flächen. Da sich deren Zusammenspiel fortlaufend verändert, wiederholt sich auch der klangliche Verlauf in keinem Durchgang. Bewegung und Klang bilden so eine gemeinsame, sich ständig neu formierende Choreografie.
The Thicket kann nicht durchquert, sondern nur umrundet werden. An den beiden Stirnseiten lässt sich die Installation mit größerem Abstand als Gesamtform betrachten; entlang der Seiten rückt man näher an die einzelnen Elemente heran. Die semitransparenten Flächen öffnen und schließen dabei Sichtachsen. Sie geben den Blick auf den Raum dahinter und auf andere Personen frei und versperren ihn im nächsten Augenblick wieder. Die Installation verändert somit nicht nur ihre eigene Form, sondern auch die Bedingungen, unter denen wir den Raum und einander wahrnehmen. Darin wird sie tatsächlich zu einem Dickicht – nicht, weil sie Pflanzen wirklichkeitsgetreu nachahmt, sondern weil sie unseren Blick lenkt, behindert und wieder freigibt. Sie bildet eine bewegliche und durchlässige Grenze, die trennt und zugleich verbindet. Und sie fordert uns auf, sie zu umrunden, den eigenen Standpunkt zu verändern und zu akzeptieren, dass es keine endgültige Ansicht gibt.
An dieser Stelle ist mir die Frage nach Natur, Technik und Virtualität wichtig. Es wäre zu einfach, eine echte, unmittelbar erfahrene Natur einer künstlichen virtuellen Welt gegenüberzustellen. Natur ist uns seit langem durch Bilder und kulturelle Vorstellungen vermittelt – durch Landschaftsmalerei, Fotografie, Film, Karten, wissenschaftliche Darstellungen und digitale Medien. Neu sind nicht die vermittelten Bilder an sich, sondern ihre Dichte, ihre Geschwindigkeit und ihre technische Macht. Digitale Systeme zeigen Natur nicht nur. Sie vermessen sie, zerlegen sie in Daten und erzeugen Modelle, die zunehmend an die Stelle des unmittelbar Wahrgenommenen treten. Wetter, Landschaft oder Klima begegnen uns oft zuerst als Bildschirmbild, Satellitenaufnahme, Simulation oder Messwert. Und auch unser scheinbar unmittelbarer Blick ist längst durch bereits gesehene Bilder geprägt. Virtuell bedeutet dabei nicht einfach unwirklich. Das Virtuelle ist ein technisch erzeugter Möglichkeitsraum mit sehr realen Wirkungen. Er beeinflusst, was wir sehen, was wir für glaubwürdig halten und wie wir uns zur Welt verhalten. The Thicket macht diese Verschiebung sichtbar, weil die Arbeit selbst vollkommen körperlich und materiell ist.
Wir hören die Motoren und den Klang, sehen die beweglichen Flächen und bewegen uns im selben Raum wie die Installation. Zugleich wird dieses Geschehen durch Daten, Programme und Rechenvorgänge organisiert, die wir nicht sehen. Die Arbeit stellt Natur deshalb nicht einfach als Gegenbild zur Technik dar. Sie zeigt vielmehr, wie eng technische und natürliche Vorstellungen inzwischen ineinandergreifen. Etwas, das wir mit Wind, Blättern, Wachstum oder einem sich öffnenden und wieder schließenden Gebüsch verbinden, wird in eine maschinelle Ordnung übersetzt. Diese Übersetzung bleibt bewusst unvollständig. Es entsteht keine perfekte Illusion, sondern eher etwas wie ein abstraktes Bild, eine musikalische Komposition oder eine literarische Beschreibung. Die Arbeit bildet Natur nicht ab, sondern ruft sinnliche Erinnerungen daran hervor.